Tennessee und die lange Nacht

von umananda

Irgendwann, wenn das Scheinwerferlicht jede noch so kleine Erhebung zu einem riesigen Schatten heranwachsen lässt, obwohl ich genau weiß, dass das Gebirge der Blue Ridge Mountain weit im Osten liegt, wird die Müdigkeit zum Angsttraum, bis man in der Phantasie zu plappern anfängt und der Radiostimme antwortet, als würde sie sich erbarmen und einen Song ankündigen, von dem man glaubt, wachgehalten zu werden.

Memphis Tennessee

Die Täler hier sind eng und mäandern durch das Appalachen-Plateau und die Gedanken sind im Schwemmland des Mississippi, wo die Bewirtung und Unterkunft so herzlich war, dass es einem schwer gefallen ist zu gehen.

Die Hand tastet nach der kleinen Tupperdose, die man sorgfältig mit einem Sandwich und zwei Äpfel gefüllt und mit einigen Gebäckstücken versehen hat. Reiseproviant, wie die freundliche Frau beim Abschied mir zuflüsterte. Damit ich noch ein wenig an sie denken würde.

Alles läuft mechanisch ab. Die Nacht und die scharfen Umrisse der plötzlich auftauchenden Sträucher, dessen Konturen das Licht scharf zeichnet, das der Scheinwerfer unermüdlich vorausschickt. Nur nicht die Richtung verlieren, um zu den höchsten Erhebungen zu kommen, muss ich mich in südöstlicher Richtung bewegen.

Ganz plötzlich fahre ich einfach an den Straßenrand und lehne mich zurück. Die Erinnerung kehrt erst dann wieder, als ein heftiges Klopfen an der Windschutzscheibe mich hochschrecken lässt. Ich muss die Hände über die Augen halten, da die Sonne mich blendet.

Ein Sheriff fragt nach meinen Papieren und erklärt mir, dass ich, um zu den Unaka Mountains zu kommen, umdrehen und nach wenigen Meilen links abbiegen müsse. Von dort aus wäre es ein Kinderspiel. Immer nur geradeaus …

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Begegnungen oder The Human Stain

von umananda

Es gibt sie doch, die wohlbekannten Gesten, Sprachwendungen und Verdrehungen, die mir immer wieder zeigen, dass es gute Menschen gibt. Dieses Gutsein tragen sie dann wie eine Anklage gegen all die anderen vor sich her und wenn man ihnen widerspricht, bekommt man den Makel des Bösen angeheftet.

Vor einigen Jahren war ich in New York von East Broadway in Richtung Duke Ellington Boulevard unterwegs und war in Philip Roths „Der menschliche Makel“ vertieft … und ich spürte ohne aufzuschauen einen Blick, der mich zu beobachten schien. Als wolle dieser Beobachter aus meiner Mimik erfahren, wie ich diese Geschichte von Philip Roth aufnehmen würde.

Nach einer Weile blickte ich in die Richtung des Schauenden und ein freundliches Nicken begrüßte mich. Ich war am Ziel und verließ die Subway und erwiderte kurz vor dem Aussteigen, ebenfalls durch ein freundliches Nicken, den Gruß von Philip Roth.

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Leeres Grätzl

Autor: Fluchtachterl

Ein „Shiva-Spirit”-Laden reiht sich neben den anderen, es riecht nach Biokost aus manchen der kleinen Imbißstuben, „Om-Shop“, „Natura-bambi“, psychologisches Spielzeug aus Holz für Kinder, Seide aus Indien und China, Esoterik-Stil, tibetische Gebetsfahnen bewegen sich sacht im lauen Frühlingswind. Läden abgeschmackt bedrückend, ein wenig düster trotz Sonnenlicht. Biedermeierhäuschen und die Gründerzeitgebäude wie pompös prunkvolle Grabmäler, erhalten, neu verputzt. Drinnen haben sich ganz andere breitgemacht als jene, die diese Stuckverzierten großbürgerlichen Wohnsitze in früheren Zeiten bewohnten. Kristalluster wurden durch weiße Baumwollampenschirme ersetzt.

Gepflegt die Gehsteige mit unzähligen Fahrradabstellplätzen gesäumt. In den Beisln schales Licht, Bier wesentlich teurer als in den Vierteln der von ihnen Verachteten, ebenso wie die Mieten. Gewohnt wird teuer. Schmutzige Zehennägel lugen aus Ledersandalen. Zerknitterter, verwaschener Stoff an Leibern. Keine Notwendigkeit, sondern ein Lebensstil.

Verkehrsberuhigt, still. Nicht jene Stille enger, verschlungener Gassen, die einstmals für einige Minuten das Sammeln von Gedanken und Tagträumen gestattete. Bedrückende Stille, so als ob hinter jedem der alten, geputzten Gemäuer eine Bedrohung lauerte. Das schrille Klingeln einer Fahrradglocke. Aus einem der Fenster hängt eine bunte Fahne mit Hanfsymbol. Die Auslage einer Boutique, weiß, schwarz und grau die Stücke, die Dekoration. Daneben ein Geschäft „second hand“, keine verspielt verzierten Antiquitäten, keine Altwaren mit verstaubt schwermütigem Charme, sondern zweite Hand ohne Patina, gewaschen in umweltfreundlicher Lauge. Gegenüber eine Bar, Aluminium, Kunststoffsessel ein Transparent „Frieden jetzt“.

Kein Lächeln, keine augenzwinkernde Wehmut, keine kokette Eitelkeit, keine ungezwungen schmunzelnde Geruhsamkeit, keine verärgerte Miene, keine forsche Eile. Auch nicht die sanft umarmende Stille, die ich gesucht. Bloß bedrohliche, verbissene Leere, die einen den Hals zuzuschnüren droht. Ich kann hier nicht verweilen…

Denkt Nowak

Autor: Fluchtachterl

Es sei besser, nichts zu sagen, denkt Nowak. Sitzt stumm auf dem Sessel, nippt an seiner Melange, den Kopf auf die Hand gestützt. Sieht Augenpaare zum Fernsehschirm gerichtet, verzückt, in einigen Gesichtern verklärtes Lächeln. Veränderung verkündet der Mann, der die Augenpaare an den Bildschirm fesselt. Das freudvolle Aufseufzen einiger Gäste.

Eine bessere Zeit breche an, die beste aller Zeiten. „Ja, wir können es tun!“ die Stimme des Mannes, nicht tief, nicht hell, eine etwas hohle Männerstimme, geübt, ein wenig unecht. Nowak kneift die Augenbrauen zusammen. Es stimme etwas nicht mit diesem Mann, denkt er, sei ihm geradezu unheimlich, sei nachgerade schaurig. Nowak weiß nicht genau ob es an den Augen des Mannes liegt, oder an der Glätte mit der er sich bewegt, der zu geschmeidigen Gestik. Spielt ihm sein Gefühl nur einen Streich? Er selbst war doch einigermaßen einverstanden, gar zuversichtlich beim ersten Erscheinen des Mannes.
Nowak deutet der Kellnerin, die, gebannt vom Bildschirm, sein Handzeichen übersieht. Er räuspert sich, ruft ein wenig unmutig, daß er ein großes Sodawasser bestellen möchte. Ein Gast tappt die Kellnerin an den Ellbogen, deutet zu Nowak hin.

„Entschuldigen’S der Herr! Aber diese Aura…!“

„Schon gut, ein großes Soda bitte!“

„Endlich Hoffnung, endlich Hoffnung!“ Die Stimme der Frau am Nebentisch dringt bis zu Nowak, der aus der Innentasche seiner Jacke die Zeitung hervorfischt. Auf der Titelseite eine Großaufnahme des Mannes, der für einen Vormittag die Kaffeehausgäste in seinen Bann zieht. „Der ist keiner von uns!“, „Dem bedeuten wir nichts…“, denkt Nowak, es scheint ihm als ob eine Art Wahnsinn durch die Augen des Mannes schimmerte. Dieser Mann verfolge anderes als er vorgibt, ist er überzeugt.

Nowak nimmt einen großen Schluck aus dem Glas Soda, das ihm die Kellnerin inzwischen hingestellt hat. Die Übertragung geht allmählich dem Ende zu. Nowak blickt zum Bildschirm, die überschwänglich jubelnde Menge, die erhobenen Arme des Mannes, das glatte Gesicht, das Lächeln. Nowak drückt der zum Bildschirm starrenden Kellnerin einen Schein in die Hand, verläßt das Kaffeehaus.

Er blickt zum Himmel. Schwarze Wolken brauen sich in einiger Entfernung zusammen. Nowak spürt den aufziehenden, kühlen Wind. Für den Bruchteil einer Sekunde scheint es Nowak, als ob er neben sich stünde. „Dieser Mann ist wahnsinnig…“, denkt er.

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