Autor: Fluchtachterl
Ein „Shiva-Spirit”-Laden reiht sich neben den anderen, es riecht nach Biokost aus manchen der kleinen Imbißstuben, „Om-Shop“, „Natura-bambi“, psychologisches Spielzeug aus Holz für Kinder, Seide aus Indien und China, Esoterik-Stil, tibetische Gebetsfahnen bewegen sich sacht im lauen Frühlingswind. Läden abgeschmackt bedrückend, ein wenig düster trotz Sonnenlicht. Biedermeierhäuschen und die Gründerzeitgebäude wie pompös prunkvolle Grabmäler, erhalten, neu verputzt. Drinnen haben sich ganz andere breitgemacht als jene, die diese Stuckverzierten großbürgerlichen Wohnsitze in früheren Zeiten bewohnten. Kristalluster wurden durch weiße Baumwollampenschirme ersetzt.
Gepflegt die Gehsteige mit unzähligen Fahrradabstellplätzen gesäumt. In den Beisln schales Licht, Bier wesentlich teurer als in den Vierteln der von ihnen Verachteten, ebenso wie die Mieten. Gewohnt wird teuer. Schmutzige Zehennägel lugen aus Ledersandalen. Zerknitterter, verwaschener Stoff an Leibern. Keine Notwendigkeit, sondern ein Lebensstil.
Verkehrsberuhigt, still. Nicht jene Stille enger, verschlungener Gassen, die einstmals für einige Minuten das Sammeln von Gedanken und Tagträumen gestattete. Bedrückende Stille, so als ob hinter jedem der alten, geputzten Gemäuer eine Bedrohung lauerte. Das schrille Klingeln einer Fahrradglocke. Aus einem der Fenster hängt eine bunte Fahne mit Hanfsymbol. Die Auslage einer Boutique, weiß, schwarz und grau die Stücke, die Dekoration. Daneben ein Geschäft „second hand“, keine verspielt verzierten Antiquitäten, keine Altwaren mit verstaubt schwermütigem Charme, sondern zweite Hand ohne Patina, gewaschen in umweltfreundlicher Lauge. Gegenüber eine Bar, Aluminium, Kunststoffsessel ein Transparent „Frieden jetzt“.
Kein Lächeln, keine augenzwinkernde Wehmut, keine kokette Eitelkeit, keine ungezwungen schmunzelnde Geruhsamkeit, keine verärgerte Miene, keine forsche Eile. Auch nicht die sanft umarmende Stille, die ich gesucht. Bloß bedrohliche, verbissene Leere, die einen den Hals zuzuschnüren droht. Ich kann hier nicht verweilen…

TheRealBook sagte,
November 17, 2010 um 7:25 vormittags
Tja, Ökofaschismus in Biolauge macht offensichtlich nicht wirklich froh. Ist denn eine Art Second Hand-DDR in dieses Viertel eingezogen ? Der ideologische Kanon scheint hier streng befolgt zu werden, das ist freilich mühsam und lässt das Lachen einfrieren.
Allerdings scheint er geschäftstüchtig zu sein, der sündenreine Anti-Kapitalismus. Und so zwingend xenophil. Biokerzen aus den Anden – als hätten wir keine Bienen…