Autor: Fluchtachterl
Sie saßen zurückgelehnt in den Ledersofas, jene Damen und Herren, ergraut oder mit künstlicher Haarfarbe, ein bisserl Fettpolsterln angesetzt. Club2 ORF an einem Mittwoch. Achtundsechzig das Thema. Herzig der Herr aus dem Lande M. mit der langen weißen Mähne. Die Kommune, das seien Zeiten gewesen, einfach herrlich, schwärmte er. Befreiung vom ach so verstaubten Mief des Bürgerlichen (das erst durch wachsenden Wohlstand diese Spompanadeln ermöglicht hatte, sei angemerkt), die gelebte „Vergeistigung durch Körperreibung“. Na ja, wir Proleten sagen „Schnaksln“ bzw. „Schuastan“ dazu, aber gut, wir gehören ja zu den Dummen, wenn Ochtasechzg grad noch einmal gnädig im Urteil über unsereins ist.
Ins Schwärmen sind sie nachgerade geraten, die Gealterten Blumensöhne und- töchter. Zwei Kritiker, eine Dame, ein Herr, die durch das hyterische Gekeif beziehungsweise die Endlosschwärmerei der anderen kaum den Mund aufmachen durften. Eine Sendung des ORF als Aufhänger für eine der „Offenen Rechnungen“.
Ochtasechzg. Kommune „Malen und Tanzen“, nett. Dazu RAF, Brigate Rosse, ein zu vernachlässigender Nebeneffekt, ein paar Tote, was soll’s.
Der Herr Redakteur einer Wochenzeitschrift. Was die Welt nicht alles Ochtasechzg zu verdanken hätte. Nicken, Jauchzen. Und wehe dem, der da nicht mitnickt. Was sie nicht alles erfunden hätten, die Anti-Baby-Pille, sogar das Internet. Der Herr Redakteur hätte sich mehr Ochatsechzg für Österreich gewünscht, weil dies dem Land gut getan hätte. Ist halt nicht so in Erfüllung gegangen, meiner Seel, da könnte man direkt Mitleid haben…
Dankbar solle man sein für all die Errungenschaften von Ochtasechzg. Oh ja, nachgeborener Vorstadtprolet, der ich bin, empfinde tiefe Dankbarkeit.
Dankbar bin ich dafür, daß Ochtasechzg sich eingenistet hat in den Medien, in den Kulturbetrieb, in die Parteien, damit endlich eine einzig gültige Weltanschauung verbreitet werde. Herzlichen Dank für verordnete Maulkörbe, Verleumdungen, Rufmorde und Mundtode. So ein Mundtod ist wirklich ein erhebendes Erlebnis, da kommt selbst die Vergeistigung durch Körperreibung nicht heran. Im Vergleich zu einem knusprigen Rufmord ist ein frisch aus dem Ofen geschaufeltes Kaisersemmerl nachgerade eine zache, fade Angelegenheit. Herzliches Dankschön auch für die Befreiung unseres Geschlechtstriebes. Danke dafür, daß wir übersexte und lieblose Geschöpfe geworden sind, die nie mit ihrem Körper zufrieden sind. Danke auch für den Jugendkult, der uns das Älterwerden zur unerträglichen Bürde werden läßt. Na ja, wer Flins hat, kann sich Bottox und Fettabsaugungen leisten, das hat Ochtasechzg vermutlich auch erfunden. Ich bedanke mich für die tiefe Weisheit, daß mein österreichischer Kulturkreis pfui ist, ich ihn zu verachten habe und dafür zu meiner geistigen Reifung besser in Burundi verhungern sollte.
Meiner Seel, als Nachgeborener kann man sich vor so viel Dankbarkeit gar nicht auf den Beinen halten. Auf Polizisten mit Steinen werfen und das mit einem Motorradhelm überm Kopferl, welch eine Ehrfurcht einen da überkommt vor so viel Mut, zumal anschließend die Politik einer der wichtigsten Nationen dieser Weltgegendvon Betroffenem mitbestimmt wurde. Mit sechzig Jahren noch dieselben Lebensbetrachtungen zu haben wie im Alter von zwanzig ist eine Meisterleistung, die wahrhaftig eine Eintragung in das goldene Buch der Historie verdient. Ich verneige mich vor so viel Weitblick. Auf die Knie möchte man fallen vor Ehrfurcht bei Weisheiten wie „Hoffentlich mehr Wahnsinn!“
Aber was ist denn da versteckt unter dem Kopfpolsterl? Oh, das Aktienpaket, die Grundbucheintragung des Eigenheims. Das Kostüm von Gucci oder war’s Chanel? Wieso nicht nackert, das doch befreiend und gesund? Die werte Nachkommenschaft in der Privatschule. Audi, BMW, Ferrari.
Na ja, es habe halt radikale Auswüchse gegeben, ein paar Bomberln, Entführungen, Morde, mein Gott, waren alles Freunderln, net woa? Aber wehe da kommt etwas Aufmuckendes aus den nicht genehmen Ecken. Na sofort die Pacht für die Moral aufs Konto. Ochtasechzg hat sie ja gepachtet und vergißt ab und an die Zahlung. Da wird einem eine hübsche Schere in die Hand gedrückt von den gealterten Wohlstandsrevoluzzern, damit man sie gefälligst zurecht schneide seine bösen Gedanken.
Tanzen und malen, Meinungseinfalt schaffen an den Schalthebeln der Masseninformation. Gleichheit aus dem Eigenheim predigen. Linkssein ist lustig im okzidentalen Wohlstand. Der Che-Guevara-Vibrator, ein wahrhaftig bedeutendes Ergebnis des Fortschrittsgedankens.
Bei aller ehrfürchtigen Wertschätzung für die wundervollen, fortschrittlichen Errungenschaften von Ochtasechzg, wär’s doch Zeit für einen Abgang aus allen von ihnen besetzten Bereichen, damit jemand den von ihnen hinterlassenen Scherbenhaufen in Dankbarkeit aufräumen kann.
