Laila Hadads Nachtrausch

Laila zog ihre Lippen in tiefem Rot nach. Hinter starker Schminke lag nun ihr Gesicht verborgen. Ihre schwarzen Locken schüttelte sie nochmals kräftig durch. Sie war nun bereit für ein Abenteuer. Ein letzter, prüfender Blick in den Spiegel an der Innentür des Schlafzimmerkastens, ein wohlwollendes Nicken zu sich selbst. Wie angegossen saß das dunkelrote Kleid mit dem tiefen Ausschnitt. Laila war mit sich zufrieden.

Voller Erwartung begab sie sich in den Guantanamo-Klub, einer Art Tanzlokal, welches, in düsterem Licht gehalten, des Nachts seltsame Stadtbewohner beherbergte. Einige kamen elegant verkleidet, andere in schäbiger Aufmachung. Leben im Klub, ein Schattenspiel unter schummrigen Lichtern. Zwischen verschnörkelten Plastiksäulen und verstaubten Kunstblumen huschten sie umher, tanzten, warfen sich zweideutige Blicke zu. In Begleitung kam niemand in den Guantanamo-Klub.

Laila nahm an der Theke Platz. Sie schlug die Beine übereinander, schob das Kleid ein wenig hinauf, sodass man ihr Knie sehen konnte. Ihren Fuß ließ sie ein wenig aus dem hochhackigen Schuh aus schwarzem Samtleder schlüpfen. Der Schuh fiel zu Boden. Fluchend bückte sich Laila, zog ihn sich wieder an. Ihre Handtasche hatte sie auf dem Haken an der Unterseite der Theke hängen. Die Kellnerin meinte, sie solle besser darauf Acht geben, denn es würde so viel gestohlen in letzter Zeit. Laila bestellte Wermuth.

Hinter Laila war schon seit einiger Zeit ein Mann von großer Statur gestanden. Er hatte sie beobachtet, lachte, als sie ihren Schuh verloren hatte. In einem Zug trank er den Rest seines Schnapses und gesellte sich zu ihr. Laila lächelte ihn an. Seine tiefe Stimme, der Spitzbart, seine anmutig gewachsene Gestalt, der dunkle Lockenkopf. Sie hatte sofort an ihm Gefallen gefunden. Anfängliches Geplänkel und Wermuth lockerte Lailas Zunge. Er scherzte mit ihr, mit der Kellnerin. Keck zupfte Laila an seinem Bart.

„Au“, schrie er auf, „lass doch meinen Bart!“

„Ich wusste nicht, dass er echt ist, entschuldige!“

Laila zauberte das verführerischste Lächeln, zu dem sie im Stande war.

„Wieso sollte er nicht echt sein?“

„Manche kleben sich den Bart auf, bevor sie herkommen.“

„Ich nicht!“

Der Klang seiner Stimme nahm Laila zusehends in Bann.

„Gibt es einen Namen zu den grünen Augen?“ Sein Lächeln formte kleine Grübchen neben den Mundwinkeln.

„Laila”

„Laila und…?“

„Laila Hadad!“

Er umfasste ihren Handknöchel.

„Holger!“, brummte er.

„Und?“ Laila blickte ihn keck von der Seite an und lächelte.

„Unwichtig!“

Achselzuckend meinte Laila, dass sie noch nie den Nachnamen ‚Unwichtig’ gehört habe und beließ es dabei. Sie hatte keine Lust, weiter nachzubohren.

Holger zog Laila zu sich, fuhr durch ihre schwarzen Locken. Der erste Kuss schmeckte nach Bier, Rauch und Schnaps. Laila störte es nicht.

„Noch einen Wunsch? Ich muss jetzt nämlich aufs Klo.“ Die feiste Kellnerin unterbrach jäh die zarte Spielerei.

Laila verneinte, war es doch schon das vierte Glas Wermuth. Holger bezahlte.

Heftig zog er Laila vom Barhocker zu sich, umarmte sie, drückte sie fest an sich.

„Wir fahren zu mir!“, flüsterte er ihr ins Ohr.

Laila zögerte, „ich weiß nicht so recht…“

„Du pennst bei mir!“, seine Stimme war plötzlich noch tiefer, der Ton bestimmt.

Wehren konnte sich Laila nicht mehr. Zu stark war der Bann seiner Stimme, seiner Locken, seines Geruches, seiner Umarmung.

Im Taxi fuhr er mit der Hand schamlos Lailas Bein entlang. Brüsk stieß sie ihn weg. Sie möge derlei nicht in der Öffentlichkeit, feixte sie, was solle der Fahrer denn denken. Holger lachte. Der Taxifahrer schüttelte den Kopf und bog in eine Seitengasse ein.

Weiß gekalkt war der Gang von Holgers Wohnhaus. Stuckatur prangte auf den Wänden, an der Decke. Polierte Messingleuchten strahlten in angenehm gelblichem Licht. Jahrhundertwende in voller Pracht. Im Fahrstuhl drückte er Laila gegen die Holzvertäfelung, fuhr ihr durch das Haar. Laila wehrte ab, meinte sie möge es nicht, wenn man sie so fest am Haar anfasse. Der Fahrstuhl hielt. Holger nahm ihre Hand, führte sie zur Türe am Ende des Korridors. Sein Schlüssel knackte im Schloss. Geräumig war die Wohnstatt, mit hohen Wänden. Die Möbel waren teils antik, teils modern.

Er bot ihr ein Getränk an. Laila lehnte ab.

„Ich bin schon ganz schwindelig vom Wermuth vorhin.“

Im Spiegel des Vorzimmers betrachtete sie ihr Gesicht. Der Lippenstift war verschmiert, zerronnen. Aus der Handtasche kramte sie unter dem geblumten Leinenkleid, das sie zu Hause schnell zusammenknüllt und hineingestopft hatte, ein Taschentuch hervor. Hastig wischte sie die Schminke von ihrem Mund.

„Kommst du jetzt?“, rief er ihr aus dem Wohnzimmer zu. Leise Musik ertönte.

‚Rad des Glückes. Immer drehst du dich. Wird dein Pfeil mich treffen?… Oh Rad des Glückes, solltest du jemals mir deine Gunst erweisen, bitte tu es jetzt…’

Laila hörte das Lied zum ersten Mal. Warm wurde ihr ums Herz. Süßem Honig gleich, glitt das Lied in ihr Ohr, in ihr Herz. Sie folgte seiner Stimme. Holger nahm ihre Hand. Sanft fuhr sie mit den Fingern über die breite, fleischige Fläche. Seine Zungenspitze lag auf der Oberlippe. Sachte zog er sie in das Schlafzimmer. Über die Stehlampe hatte er seinen Bademantel geworfen. Dämmrig bläuliches Licht schimmerte auf das Bett. Laila setzte sich auf die Bettkante, entkleidete sich. Bewundernd blickte sie zu ihm auf, als er vor ihr stand. Unbekleidet wirkte seine Gestalt auf Laila noch anziehender.

Der Akt war von nicht großer Dauer. Laila hatte ihm etwas vorgespielt. Der Wermuth hatte sie bleiern werden lassen. Leise, dumpfe Schmerzen hatten sich ihres Kopfes bemächtigt. Holger konnte sich ergötzen. Seinen Arm um Lailas Oberkörper geschlungen, schlief er ein. Laila presste sich fest an ihn. Sie konnte nicht einschlafen. Behutsam drehte sie sich um, damit sie sein Gesicht, seinen Oberkörper sehen konnte. Friedlich lag er da. Tröpfchen von Geifer rannen still aus seinem Mund, benetzten den Polsterbezug. Zärtlich strich sie ihm durchs Haar, ganz sanft, sodass sie ihn nicht weckte. Die Grübchen in seinem Gesicht hatten sich im Schlaf ein wenig vertieft. Laila versuchte ihrem Schlaf nachzugeben, doch konnte sie nicht davon ablassen, ihn zu betrachten.

‚Oh Rad des Glückes’, hallte es wieder und wieder in ihrem Kopf.

„Ich könnt  mich in dich verlieben, Holger Unbekannt“, flüsterte sie ihm ins Ohr. Laila fiel in seichten, unruhigen Schlaf. Sie erwachte, als die ersten Strahlen der Morgensonne durch den Spalt zwischen den Vorhängen durch drangen. Die Dumpfen Kopfschmerzen waren nicht zur Gänze vergangen. Laila beobachtete weiterhin den Schlafenden. Seine Arme suchten sie im Schlaf, griffen nach ihr, umschlangen sie schließlich.

Mit wachsender Zuneigung betrachtete sie den sprießenden Morgenbart an den Wangen, die Achselhaare, die Brust. Für ein paar wenige Stunden gelang es auch ihr zu schlafen. Holger erwachte gegen Mittag. Laila war schon zuvor wach geworden, wartete auf ihn. Als er sich im Erwachen ächzend im Bett wälzte, setzte sich Laila auf. Sie umhüllte sich mit der Bettdecke, sah sich nach dem Badezimmer um. Ohne anzuklopfen betrat Holger nach einiger Zeit das Bad und legte ihr ein frisch gewaschenes Handtuch auf das Waschbecken. Wohlig warm rann das heiße Wasser aus dem Brausekopf über ihren Körper. Lange rieb sie die frisch duftende Seife an ihrer Haut. Der Tag konnte die liebliche Melodie der Nacht nicht verscheuchen. Laila trocknete sich mit heftig reibenden Bewegungen ab.

 „Ich werf dich jetzt raus. Ich bekomme später Besuch.“, brummte Holger nachdem Laila sich angezogen hatte.

Sie wollte ihn umarmen, doch er flüchtete sich zu dem großen Spiegel und begutachtete sein Gesicht.

Laila ging zum Spiegel, stellte sich hinter ihn. Holger wandte sich ihr zu.

„Ich muß dich jetzt…“

Sanft blickte Laila in seine verschwollenen Morgenaugen. Im nur schlampig umgehängten blauen Bademantel stand er vor ihr.

„Die Tür ist dort“, seine Stimme klang rau. Er hüstelte.

Laila riss sich die schwarz gelockte Perücke vom Kopf. Blondes, mit Haarspangen fest am Kopf befestigtes, kurzes Haar kam zum Vorschein.

„Eigentlich heiß ich Monika Bauer“, stotterte sie erwartungsvoll.

„Schön“, brummte er.

„Sei nicht böse, aber ich muss noch aufräumen.“

„Schon gut“, flüsterte Monika und ging durch die Tür.

Dumpfer Schmerz traf ihr Herz, als sie die Türe einschnappen hörte. Im Stiegenhaus nahm sie die Spangen aus dem Haar. Sie blickte zu ihren schwarzen Schuhen hinab.

Brennend heiß war die Straße durch die Mittagssonne. Monika verspürte Hunger. Ungeduldig hastete sie über den Gehsteig zu einer Hauptstraße. In einer kleinen Konditorei fragte sie nach Frühstück.

„Gibt’s noch Gnädige Frau. Bis halb eins…“, keuchte die Kellnerin, die gerade dabei war, mit einem nassen Tuch über die Tische zu wischen.

Sie bestellte ein Frühstück mit Briochekipferl und Melange.

Monika nahm am Tisch beim Fenster Platz. Ihre Handtasche war nicht zur Gänze verschlossen, ein paar Haare der Perücke schielten heraus. Das Frühstück wurde gebracht. Knusprig frisch war das Gebäck. Der Zuckerstreuer war verklebt. Monika wollte nicht um einen anderen bitten. Sie nahm einen Schluck Kaffee, um den Bissen Gebäck aufzuweichen.

„Ein Frühstück hätte er mir wenigstens anbieten können…“, dachte sie.

‚Oh Rad des Glücks’, die Melodie in ihrem Kopf verklang allmählich.

Nochmals nippte sie an der Tasse. Der Kaffee schmeckte bitter.

(c) Fluchtachterl 2003 &2020

Flavia – Ein Märchen im Alten Rom

I.

Graue Wolken verhingen den Himmel Roms. Es war jener Tag, der Flavias Leben verändern sollte. Zwei Sklavinnen frisierten ihr schwarzes Haar, scheitelten es fingerfertig mit einem Eisenkamm in der Mitte, und düpierten vorne ihre Locken auf. Zwei andere Dienerinnen bürsteten indessen die Hochzeitstunika aus weißer Wolle. Flavia saß in der Untertunika auf einem Schemel und betrachtete ihr Antlitz mit den sanften dunklen Augen im silbernen Spiegel. Erst vor kurzem war sie achtzehn Jahre alt geworden, als ihr Vater meinte, daß es „allerhöchste Zeit“  sei, sie in angesehenes Haus zu vermählen.

Die Wahl war nach Vereinbarung  beider Väter auf Marcus Aemilius gefallen. Die Verbindung, hieß es, sei beiden Familien einträglich, vor allem von Seiten des Bräutigams, da Marcus Aemilius die großzügige Mitgift benötigte, um seine politische Laufbahn nach jahrelangem Kriegsdienst in Britannien verfolgen zu können.

Flavia hatte ihren zukünftigen Gatten nur einmal gesehen, als die Hochzeit zwischen den Vätern beider Familien beschlossen, und der Ehevertrag unterzeichnet worden war.  Beim Anblick ihres zukünftigen Mannes war sie erschrocken. Seine stechenden braunen Augen, die kantige Nase, seine schmalen Lippen, der sehnige Körper, seine schneidende tiefe Stimme, die kalten Blicke.

Nicht, daß ihr das Leben unter dem Dach ihres Vaters sehr angenehm gewesen wäre, aber zumindest bedeutete es vertraute Gewohnheit. Auch wurden ihr nicht allzugroße Pflichten abverlangt. Sie verbrachte die meiste Zeit, wie es sich für eine Tochter aus gutem Patrizierhause gehörte, in ihrem Zimmer mit Handarbeiten, Lektüre oder Unterricht durch die Sklaven.

„Wenn sie mir doch Wein gäben gegen den Schmerz!“, dachte sie. Insgeheim hegte sie die Hoffnung, daß die Götter sich ihrer noch erbarmen könnten und ein unvorhergesehenes Ereignis ihr Schicksal wenden würde. Sie hatte beinahe die ganze Nacht wach gelegen, erst in den letzten Stunden vor dem Sonnenaufgang hatten ihr die Götter Schlaf gegönnt, der unruhig, seicht und von wilden Angstträumen geplagt war.

Die Vorbereitungen wurden hastiger. Dienerinnen schwirrten emsig um sie herum, fingerten weiter an ihrer Frisur, holten den Schleier, der ihren Kopf bedecken sollte, brachten Schminkutensilien herbei. 

Furcht schnürte Flavia die Brust ein. Gleich einer Ertrinkenden, der die Kraft fehlt, gegen die Gewalt des allmächtigen Wassers anzukämpfen, ließ sie sich von ihrer Angst hinab in schwarze Tiefe reißen.

Es war Sitte, die auferlegte Pflicht einer Tochter aus ehrenwerter Patrizierfamilie, zu heiraten und zum Wohle Roms gesunde Kinder zu gebären.

Ihre Sehnsucht nach Zuneigung war stets unerfüllt geblieben. Abgesehen von ihrer Amme, die man nach ihrem zehnten Lebensjahr außer Haus verkauft hatte, gab es keinen Menschen, der ihr liebvolle Zuwendung angedeihen ließ. Die Eltern konnten ihrer einzigen Tochter nie ein Wort der Liebe, nie eine Geste der Zärtlichkeit schenken. Einzig ihre Leibsklavin Sarah aus Judaea war ihr Freundin und Vertraute. 

Der Zeitpunkt der Zeremonie rückte näher, bald würde die Familie ihres Bräutigams mit den geladenen Gästen ins Haus kommen, um den Festakt zu vollziehen.

Flavia spürte, daß ihre Augen feucht wurden. Sie fühlte wie ihre Herzschläge heftiger wurden, ihre Hände zu zittern begangen, als sie den Schmuck vom Toilettentischchen nehmen wollte.

„Meine Herrin weint“, flüsterte Sarah.

„Aus Kummer und Furcht.“ stotterte Flavia.

Sarah strich sanft mit ihrer weichen seidigen Hand über Flavias Gesicht. Die Tränen ließen die zuvor kunstvoll aufgetragene Schminke zerrinnen.

„Ach Herrin, jetzt müssen wir von vorne beginnen“, seufzte Daphne, die feiste griechische Sklavin, die gemeinsam mit Sarah Flavias Haar und Gesicht bearbeitete.

„Wir haben nicht mehr viel Zeit.“

Flavia starrte auf die Statue der Juno, die auf einem Dreifuß in der Ecke des Zimmers stand.

„Das Joch ist schwer zu tragen. Jetzt bürden sie mir eine verhaßte Ehe auf, das kann nicht ihr Wille sein…“ preßte Flavia leise hervor. Sarah strich ihr sanft über den Kopf.

Stimmengewirr ertönte aus dem Gesellschaftszimmer. Daphne legte Flavia die Tunika an, band die Kordel um die Taille, machte einen Knoten, der Glück bringen sollte, und drapierte die Tunika in kunstvolle, weiche Falten. Der Schleier wurde ihr über den Kopf gelegt. Ihr Gesicht errötete, die  Adern ihrer Schläfen zeichneten Muster von Stricken auf ihrer Stirne, ihr Herz pochte.

Der Bräutigam war mit seiner Familie eingetroffen. Flavia wurde von ihrer Mutter ins Gästezimmer geführt.  Flavia stand Marcus Aemilius gegenüber, senkte ihren Blick. Immer noch  liefen ihr Tränen über die Wangen. Ihr Vater hielt die Hochzeitsansprache. Marcus’ Augen waren starr, seine Gesichtszüge wie aus Stein gemeißelt. Flavia fühlte die musternden, verächtlichen Blicke seiner Mutter. Im Vorhof sagten die Auguren der Verbindung großes Glück weis und verstreuten Getreide als Opfer für die Götter über den Boden.

Flavias Vater legte nun, da er die Ansprache gehalten und das offizielle Einverständnis verkündet hatte,  ihre Hand in die des Marcus. “Ubi tu Gaius, ego Gaia.” Flavia stotterte beim Sprechen der Hochzeitsformel. Die Verbindung war geschlossen.

Der Festzug zum Hause des Ehemannes begann. Lachen, Lärmen, die Späße der Gäste, die Musikanten, spielten Flöte und schlugen die Trommeln. Als Flavia ihre Hände  über die Ohren halten wollte, da der Lärm sie quälte, wurde sie von Marcus’ Mutter daran gehindert. Sie schritt gesenkten Hauptes neben ihrem Mann einher. Sarah ging hinter ihr, was Flavia tröstete und ein wenig beruhigte.

Die Gesellschaft war beim Haupttor des Hauses des Ehemanns angelangt. Flavia und Sarah wurden von zwei Sklaven des Hauses ins Gemach der Eheleute geführt, während sich die anderen über das Atrium und die verschieden Zimmer des Vorhauses verteilten und auf den Beginn des Gastmahls warteten.

Flavia setzte sich auf den Bettrand.  Das Bett war aus dunklem Holz, sein  Rahmen mit vergoldetem Zierrat versehen, die Laken und Decken aus feinstem Gewebe. Ihre Füße berührten den durch die Thermenrohre wohlig warmen  Boden mit einfachem Mosaik. Es lagen reich mit Goldfäden bestickte Kissen aus fernen Ländern im Zimmer verstreut.

Sarah legte ihre Hand sanft auf Flavias Schulter und meinte, daß es Zeit sei, sie zu entkleiden, da ihr Mann jeden Moment kommen könne. Flavia ließ sich von ihrer Dienerin den Schmuck ablegen. Sarah bat sie, sich kurz zu erheben, öffnete die kostbar verzierten Schnallen, legte ihr die Hochzeitstunika ab, faltete den Stoff sorgsam zusammen und legte die Kleidung auf den Hocker aus Ebenholz, der am Fuße des Bettes stand. Die Untertunika streifte sie hoch bis zu Flavias Oberkörper, so daß ihre Brüste bedeckt blieben. Sarah entfernte sich lautlos und ließ die Türe einen kleinen Spalt offen. Vom Gästezimmer drangen laute Stimmen und Harfenklänge in das Schlafgemach.

Flavia erschrak, als Marcus Aemilius eintrat. Er schwieg, betrachtete sie, maß sie von Kopf bis Fuß, durchbohrte sie mit seinen Blicken. Flavia umkrallte fest den Stoff der Untertunika, spannte ihn um den Brustansatz. Marcus Aemilius entkleidete sich, ließ die Kleider auf den Boden fallen, nährte sich dem Bett, ergriff Flavias Fußknöchel, streckte ihre Beine gewaltsam voneinander weg, legte sich auf sie, und drang in sie ein. Flavia verspürte heftige Schmerzen. Sie kniff die Augen fest zusammen bis Tränen aus ihren Augenwinkeln kamen. Marcus stieß heftig in ihren Unterleib, stieß immer heftiger und ihre Schmerzen wurden stärker. Er strömte ein paar heftige nach Wein und gewürzten Speisen riechende Atemzüge aus, bis er sich ergoß und schließlich von ihr abließ. Er erhob sich vom Lager und kleidete sich an und verließ das Schafzimmer. Flavia blieb alleine auf dem Bett liegen, einzig der bittere Geschmack in ihrem trockenen vom Durst gequälten Mund blieb.  Ihre Zunge klebte auf dem Gaumen. Süßlicher Geruch menschlicher Ausdünstung, der sich im Gemach breit gemacht hatte, verursachte ihr Ekel. Dennoch schlief  Flavia erschöpft ein.

Nach kurzer Zeit trat Sarah ins Gemach, weckte Flavia. Sie schlang ihre Arme um Sarahs Hals.

„Aber Herrin, es ist nicht so schlimm, ich bin ja auch noch bei dir.“ flüsterte Sarah sanft.

Die Gäste waren bereits gegangen. Flavia ließ sich von Sarah ins Bad begleiten,  die sie nach dem Bade massierte und ankleidete. Von draußen vernahm Flavia das Scheppern der Teller und sonstigen Tischgerätes. Sie ließ sich von Sarah ins Gemach zurückführen, legte sich angekleidet auf das Bett und schlief abermals ein.

II.

Ein heftiges Rütteln an ihrer Schulter weckte Flavia.  Mit dumpfem Gefühl im Kopf rieb sie sich den Schlaf aus den Augen und erschrak, als sie das faltige Gesicht ihrer Schwiegermutter Vibida sah, die ihr die Decke wegzog und sie in harschem Ton anfuhr, aufzustehen.  Flavia bemerkte, daß ihr Mann,  nicht neben ihr im Bett lag, da er offenbar noch fleischlichen Vergnügen in finstren Kaschemmen der Subura nachging. Sie setzte sich auf und starrte ihre Schwiegermutter an. Vibidas schmale Lippen zogen sich nach unten, ihre herabhängenden Lider verdeckten ihre Augen, die sie musterten.

„Deine Pflicht ruft“ stieß sie mit schneidender Stimme hervor.

Der schrille Klang von Vibidas Stimme war ihr unerträglich. Die Pflichten der zweiten Hausfrau seien es, sich um die Küche und die Zubereitung der Mahlzeiten zu kümmern, ebenso dafür zu sorgen, daß das Haus in Ordnung gehalten werde. Flavia sollte den Sklaven ihre Anordnungen geben.  Nur sehr widerwillig und widerspenstig  erfüllten sie die Arbeiten, die Flavia ihnen zaghaft mit beklommener Stimme auftrug. Als sie Hyacitnhus, dem Oberaufseher der Sklaven im Hause der Aemilier ihr Leid klagte und einige der Sklaven Schläge als Strafe bekamen, wurden Flavias Anweisungen, die sie nach Vibidas Vorschriften gab, ausgeführt.

Flavias neues Leben war eintönig, eintöniger als das Dasein im Hause ihrer Eltern. Früh morgens ging sie mit zwei Sklaven zum Markt, besorgte die notwendigen Zutaten für das Abendmahl, beaufsichtigte die Diener beim Bereiten der Mahlzeit, gab den Haussklaven die Anweisungen zur Reinigung und der Erhaltung der Ordnung im Hause.

Die Nachmittage verbrachte Flavia  zurückgezogen im Gemach und schrieb Gedichte auf Papyrusrollen, die sie dann ihrer Dienerin Sarah vorlas. Selten war ein Lächeln auf Flavias Gesicht zu sehen, bloß wenn Sarah ihr eine lustige Geschichte erzählte, um sie aufzuheitern.

Am Abend mußte das Mahl fertig bereitet sein. Flavia saß gemäß der Rangordnung zusammen mit den anderen Frauen bei Tisch, die Männer lagen auf gepolsterten Triclina im Speisezimmer. Neben ihr lag Marcus Aemilius  auf dem prächtigsten und breitesten Sofa. Gegenüber aßen die Schwiegereltern; Titulus Aemilius, der auf dem schon ein wenig abgewetzten Tigerfell lag, das über seinem Sofa ausgebreitet war und Vibida, die auf ihrem Holzstuhl mit den vergoldeten Armlehnen saß, wobei sie ihre Schwiegertochter stets mit herablassenden Blicken maß.

Flavia pflegte sie die Speisen mit gesenktem Blick hinunterzuschlingen, damit sie sich unter dem Vorwand zu erledigender häuslicher Pflichten entfernen konnte. Die Abendmahlzeiten waren Flavias größte Qual.

Selbst wenn Flavia, was ebenso von ihr verlangt wurde, zu den Tempeln ging, um ihre religiösen Pflichten zu erfüllen, tat sie dies in stumpfer Empfindungslosigkeit. In Gleichmut erduldete sie ein Leben, das nicht das ihre war.

Auch wenn er die meisten Nächte außer Haus beim Zechen mit seinem Freund Aulus Livianus  verbrachte, mußte Flavia es zuweilen über sich ergehen lassen, daß Marcus Aemilius sie beschlief. Zumeist konnte sie jedoch ihre Nachtruhe ungestört verbringen.

III.

An einem Morgen zu Beginn des Monats Iulius wünschte Titulus Aemilius eine Unterredung mit seinem Sohn und ließ ihn mit Vibida in sein Arbeitszimmer rufen. Er habe tags zuvor mit einem einflußreichen Senator gesprochen, der seine Tochter mit Marcus zu vermählen wünschte, sagte Titulus Aemilius, wobei eine ausgesprochen großzügige Mitgift angeboten werde. Nun erwäge er, die Ehe seines Sohnes mit Flavia aufzulösen, fuhr er fort, auf diese Weise könnte eine viel einträglichere Verbindung geschlossen werden, die noch dazu Marcus’ Laufbahn fördern würde. Als Vibida die Worte ihres Gemahls vernahm, verzog sich ihr schmaler Mund zu einem Lächeln. Sie hätte Flavia lieber heute als morgen aus ihrem Hause vertrieben, war doch die Schwiegertochter bei weitem nicht das, was ihr vorschwebte. Viel zu wenig ehrgeizig, viel zu still und verträumt. In Vibidas Augen war dies nicht die richtige Entscheidung für eine Ehe gewesen. Marcus erklärte sich einverstanden. Es war ihm gleichgültig mit wem er vermählt wurde.

Es galt, einen Plan auszuhecken, wie man Marcus’ Ehe mit Flavia lösen könnte. Vibida warf ein, daß man sie des Ehebruches überführen müsse. Das wäre, sagte sie mit greller Stimme, das einfachste. Marcus schlug vor, seinen Freund Aulus Livianus in den Plan einzuweihen, damit er Flavia Annäherungen mache und es Zeugen gebe. Vibida nickte. Titulus Aemilius ließ durch einen Hausdiener nach Aulus Livianus schicken.

Aulus Livianus traf am Nachmittag im Hause der Aemilier ein. Er wurde als stets willkommener Freund aufs Herzlichste begrüßt. Bester Falerner wurde aufgetragen.

„So edler Wein, für einen einfachen Gast“ lachte Aulus und setzte sich neben Marcus auf das mit rotem Samt überzogene Triclinium im Gästezimmer.

Nach einem kleinen Schwatz über so manch Nebensächliches, erzählte Marcus seinem Freund über den Plan, den sein Vater ausgeheckt hatte. Aulus runzelte die Stirne, meinte ausweichend, daß es doch ihm zum Schaden gereichen könne, wenn er sich des Ehebruches, wenn auch nur dem Schein nach, schuldig mache. Die beiden besprachen abwägend, welcher Vorteil oder Nachteil daraus entstehen könne, als Titulus Aemilius sich zu ihnen gesellte. Er versicherte dem skeptischen Aulus, daß für ihn keinerlei Gefahr bestünde und er als bekannter Rechtsverteidiger persönlich dafür garantiere. Aulus willigte schließlich ein.

Marcus führte Aulus zum Zimmer, in dem Flavia alleine über einer Papyrusrolle saß und las. Aulus klopfte sachte an die Türe, Flavia rührte sich nicht. Er klopfte heftiger. Flavia öffnete zaghaft. Als sie den Freund ihres Mannes vor sich stehen sah, erschrak sie und fragte angstvoll flüsternd, was er denn von ihr wünsche. Aulus trat ein, lehnte die Türe nur an und kniete sich vor ihr hin. Er sprach so laut er konnte, daß er sie liebe, sie begehre und nicht ohne sie sein könne. Flavia begann leicht zu zittern, preßte vor Schreck die Hand vor ihre Lippen, verwies ihn mit einer Handbewegung des Zimmers. Als er nicht abließ, bat sie ihn mit angsterfüllt bebender Stimme er möge sie in Ruhe lassen. Da erhob sich Aulus unversehens aus seinem Kniefall und umarmte sie heftig. Flavia versuchte ihn, von sich weg zu stoßen. Er ließ von ihr ab und kniete sich abermals vor ihr hin.

„Erhöre mich doch schöne Göttin“ flehte Aulus. Flavia betrachtete sein knollennasiges Gesicht, seinen mit schütterem braunen Haar bedeckten Kopf und ein mitleidiges Lächeln flatterte kurz über ihr Antlitz.

Marcus und Vibida spähten durch den Türspalt.  Flavia verwies ihn abermals aus dem Zimmer und rief Sarah so laut sie nur konnte. Marcus und Vibida entfernten sich, so schnell es ihnen möglich war, von der Türe, liefen leise durch den Korridor in das Arbeitszimmer des Titulus Aemilius. Aulus sagte, daß er wieder komme und warf Flavia eine Kußhand zu. Sarah kam erst nach einiger Zeit ins Zimmer und wollte wissen, was denn geschehen sei.

„Dieser Aulus hat mir Annäherungen gemacht“ keuchte Flavia aufgeregt.

„Aber Herrin, du hast ihn doch weggeschickt, hoffe ich!“.

„Natürlich, wo denkst du hin, aber was wenn…“

„Nichts Herrin, nichts kann geschehen.“ flüsterte Sarah und nahm Flavia in die Arme. 

Marcus und Vibida blickten einander zufrieden an. Sie waren nun Zeugen und das genügte vor dem Gesetz, um die Scheidung vollziehen zu können. Marcus und Aulus begaben sich in die Thermen zur Erfrischung für eine Zechtur.

In jener Nacht kam Marcus Aemilius in den frühen Morgenstunden volltrunken ins Gemach, rüttelte Flavia wach und als sie hochschrak, schlug er sie ins Gesicht und machte ihr Vorwürfe, daß sie noch nicht schwanger sei, er brauche einen Sohn.  Sie schrie. Er schlug abermals auf sie ein, drückte sie auf das Bett, preßte seine Hand gewaltsam vor ihren Mund. Sein Körper lag schwer auf ihr, sie zitterte, versuchte sich aus seiner Umklammerung zu befreien, ihn zu schlagen, ihn von sich wegzustoßen, doch er ließ nicht von ihr ab. Sie rang nach Luft, schnaubte durch die Nase. Flavia versuchte ihn mit den Beinen abzuwehren, schlug mit den Fäusten gegen seinen Rücken, gegen seinen Hinterkopf, er ließ nicht von ihr ab. Jedoch wurde er aufgrund seines Rausches schwächer in seinen Bewegungen, bis er erschlaffte, sich auf die Seite drehte und einschlief. Flavia stand auf und verließ das Zimmer, in dessen Luft saure Ausdünstung von Schweiß und Wein lag. Sie verbrachte den Rest der Nacht auf dem Sofa im Perystilium.

Am nächsten Morgen hatte Flavia heftige Kopfschmerzen, sie rief Sarah und ließ sich von ihr ins Bad begleiten. Sarah erschrak beim Anblick ihrer Herrin. Flavia hatte blaue Blutergüsse an den Wangen und am linken Auge. Flavia erschrak, als sie ihr Gesicht nach dem Bad im Silberspiegel sah. Die Glieder schmerzten ihr, in ihrem Kopf pochte es, sie konnte sich selbst nach dem Bad und Sarahs Geschicklichkeit beim Massieren kaum auf den Beinen halten.

Nach dem Bad begab sie sich in die Küche, um den Sklaven Anweisungen für den Einkauf zu geben, sowie die Zubereitung der Mahlzeit zu überwachen.

Flavia saß auf einem Schemel in der Küche. Die Sklavinnen schleppten große und kleinere Kupferkessel heran, um sie mit Wasser zu füllen. Das Feuer im Ofen war schon entzündet worden. Die Kessel wurden aufgesetzt. Das Wasser in den Kesseln hatte mittlerweile zu kochen begonnen, es brodelte und dampfte. In der Küche herrschte mittlerweile hektisches Treiben. Flavia überwachte die verschiedenen Arbeitsschritte, gab Anweisungen, tadelte eine Sklavin wegen nicht ordentlich geputzten Gemüses, als plötzlich Vibida eintrat. Sie ging wortlos auf sie zu und packte sie fest am  Unterarm.

„Untreue Wölfin“ schrie sie ihr ins Gesicht. Flavia ahnte Schlimmes. Zwar war ihre Schwiegermutter ihr nicht wohlgesinnt, doch war sie nie handgreiflich gegen sie geworden.

„Wölfin, du warst deinem Gatten untreu, deshalb hat er dich geschlagen!“ spie sie Flavia an.

Flavia verneinte und versuchte sich zu rechtfertigen.

„Mit dem Aulus, du Wölfin.“

Flavia verneinte, widersprach, erzählte, daß Marcus Aemilius betrunken ins Schlafgemach gekommen wäre und sie geschlagen hätte. Vibida nannte sie eine Lügnerin, schrie, tobte, und gab ihr einen heftigen Stoß. Flavia fiel auf den Boden. Vibida ergriff den Holzgriff eines der kleinen Kessel, nahm ihm vom Herd und schüttete das kochende Wasser über Flavia noch ehe sie sich vom Boden erheben konnte.

Flavia schrie laut auf, unerträglich brennende Schmerzen durchfuhren jäh ihren ganzen Körper. Die Sklaven schraken zurück, und blieben regungslos mit entsetzten Blicken stehen. Flavias Arme und ihr Gesicht waren von Brandwunden übersät. Sie blieb schreiend am Boden liegen. Die Sklaven eilten herbei, um ihr zu helfen. Einer von ihnen rannte hinaus, um nach Sarah zu suchen, während Vibida ungerührt der Küche stehen blieb und den Tumult mit eisigem Lächeln zusah. 

Man legte Flavia auf ein Bett in einem der Gästezimmer.

Sarah wich kaum von ihrem Krankenlager. Zu Anfang, als Flavia noch vor Wundfieber glühte, wickelte sie ihr kalte Kompressen über die heil gebliebenen Füße, hielt ihre Hand. Flavias Vater sandte bekannte griechische Ärzte in das Haus des Aemilius, um seine Tochter behandeln zu lassen. Sarah bestrich die verwundeten Stellen mit den von den Ärzten angeordneten Salben, wechselte den Verband, las ihr vor, brachte die Mahlzeiten und Getränke ans Bett. Sie tröstete ihre Herrin, wenn sie des nachts weinend aufwachte. Flavia gesundete.

Nach ein paar Wochen konnte Flavia sich vom Lager erheben und mußte das Haus Aemilius verlassen, um zu ihrem Vater zurückzukehren. Ihr Vater beschloß seine Tochter, ganz gemäß der guten Sitte und der Gesetze, wegen Untreue gegen den Ehemann zu verbannen.

Flavias Gesicht war von den Brandwunden auf der linken Seite durch tiefe Narben entstellt. Die Narben der rechten Seite waren nicht so stark ausgeprägt und ließen sich leicht durch Schminke abdecken. Flavias Arme hatten schwer gelitten und waren von tiefen Narben übersät.

VI.

Ihr Vater schickte sie in die neue Provinz Noricum an den Limes, in einen kleinen, am Fluß Danubius gelegenen Ort, der nahe des Lagers von Hilfstruppen der Legio XV, genannt Vindobona, lag. Dort lebte ihr Onkel Gaius, ein Centurio, der sich in den Kämpfen mit den keltischen und germanischen Stämmen große Verdienste erwarb in seinem Anwesen, das ihm Kaiser Claudius nach Austritt aus dem Heer geschenkt hatte. Als einzige Begleiterin durfte Flavia ihre Sklavin Sarah mitnehmen. Die Reise war sehr beschwerlich, führte über viele Provinzen nach Norden. Kälte und Regen machten den Reisenden oft zu schaffen, manchmal auch ein Achsenbruch des Wagens, der lange Aufenthalte notwendig machte.

Der kleine Ort war zum Großteil von entlassenen Legionären und deren Familien sowie Eingeborenen bewohnt. Die Sommer waren heiß und stickig, die Winter bitter kalt.

Flavia wurde von ihrem Onkel Gaius auf sehr herzliche Art willkommen geheißen. Das Haus besaß große Räume, war weitläufiger als das Haus ihrer Eltern in Rom. Es wurde in den kalten Monaten bis spät in die Nacht beheizt, da die Sklaven, leichter und vor allem günstiger zu bekommen waren. Die Landschaft bestand aus undurchdringlichen Wäldern, der Fluß Danubius durchzog breit und mächtig die zwischen sanften, grünen Hügeln liegenden Landschaften. Das Legionslager war einige Meilen von dem Ort entfernt. Ihr  zu Ehren wurde ein Gastmahl veranstaltet.

Onkel Gaius lebte alleine mit seinen vielen Sklaven und war froh, seine Nichte beherbergen zu dürfen. Er war ein fröhlicher wohlbeleibter Mann, dessen Gesicht tiefe Lachfalten hatte. Sein Kopf war, bis auf einen weißen Haarkranz hinten, kahl. Seine Augen strahlten die einzigartige Sanftheit eines Menschen aus, der schon die schlimmsten Gefahren im Leben überstanden hatte, und dem nichts Menschliches mehr fremd war. 

Ein  paar Tage nach ihrer Ankunft, erzählte  Flavia dem Onkel ihre Geschichte. In Gaius’ Augen spürte sie tröstendes Mitgefühl. Flavia bekam ein geräumiges Zimme. Ihr Onkel meinte, sie dürfe tun, was ihr beliebe. Sarahs Zimmer lag gleich nebenan.

Im Frühjahr und Sommer unternahmen die beiden Frauen ausgedehnte Spaziergänge entlang der Straße, besuchten dann und wann die barbarischen Bauerndörfer, staunten über die großgewachsenen rothaarigen Menschen, die sie oft mit ihren blauen Augen anstarrten.

Flavia begann sich in ihrer neuen Umgebung wohl zu fühlen, litt nicht mehr an ihren Entstellungen, genoß ihre bis dahin nie gekannte Freiheit, schrieb wieder Gedichte, führte lange Gespräche mit Sarah bei ihren ausgedehnten Erkundungsgängen.

Eines Tages, als sie mit Sarah die Legionsstraße entlang ging, wurden sie von einer einheimischen Frau, die des Lateinischen mächtig war, angesprochen. Sie war gerade dabei Kräuter zu sammeln, aus welchen sie, wie sie sagte, Wundersalben mache. Flavia hörte ihr gespannt zu, wie sie von den verschiedenen Zauberelixieren und deren magischen Heilkräften erzählte. Die Frau stellte sich als Aine vor und behauptete von sich eine Zauberin zu sein.

Flavia wollte mehr über die Kraft jener Zauberkräuter wissen und so verabredete sie sich mit ihr an derselben Stelle für den nächsten Tag. Als sie einander wieder trafen, stellte Flavia weitere Fragen über die Kräuter, welche man denn nehmen müsse, um gewisse Wirkungen zu erzielen, welche gefährlich seien.

Aine lud sie schließlich zu sich nach Hause in ihr Dorf ein, um ihr mehr  erklären und zeigen zu können. Aine erzählte, sie pflege ihre Geheimnisse nur mit ihren Mitschwestern zu teilen, die sie dann an die Novizinnen der Zauberkunst weitergeben würden. Sie habe erkannt, fuhr sie fort, daß Flavia sehr gelitten hätte, auch ihrem von Narben überdecktes Gesicht gelte ihre Zuneigung.

Die Besuche bei Aine erfolgten bald jeden Tag. Sie ließen sich in der Kunst der Salben- und Elixierbereitung unterrichten, lernten welche Kräuter für welche Zwecke verwendet wurden. Aine pflegte nach den Unterweisungen mit ihnen in den Wald hinter ihrer Hütte am Rande des Dorfes zu gehen. Sie zeigte ihnen wie man die Kräuter richtig erkennen konnte, wann man sie pflücken mußte und gegen welche Leiden man sie anwenden durfte.

Monate vergingen. Monate, in denen Flavia und Sarah immer mehr Wissen sammelten, Salben, Elixiere sowie Kräutersud selbst zubereiteten und an sich selbst ausprobierten.

An einem Tag in den Iden des April meinte Aine, daß sie jetzt alles wüßten, was es zu wissen gebe, um die Kraft der Kräuter zu nützen, und daß sie die wahren Zauberkünste für sich behalte, da diese nur für eingeweihte Priesterinnen zugänglich sein durften.  Aine drückte Flavia fest an sich, danach umarmte sie Sarah.

Flavia ließ sich Phiolen besorgen, Gaius betrachtete ihr Vorhaben, Salben und Elixiere herzustellen mit Wohlwollen. Eine zweite Küche wurde im Haus eingerichtet, damit sich Flavia und Sarah ihrer Leidenschaft des Elixierbrauens ungestört hingeben konnten. Man besorgte Talg, Öl, Wein und andere Zutaten. Früh morgens gingen Flavia und Sarah in den Wald, um Kräuter und Beeren zu sammeln. Anschließend brauten sie daraus ihre Mittel, gegen Schmerzen, Sodbrennen, Darmblähungen, Salben zur Linderung von Verbrennungen, gegen Eiterbeulen, Sud gegen Katergefühl, zur Steigerung der Lust.

Sie füllten die Substanzen in Tiegel und Phiolen und boten sie zum Verkauf auf der Hauptstraße des Ortes an. Zu Anfang erregten sie nur die Neugier der Vorbeigehenden. Es war ungewöhnlich, eine Römerin und ihre Dienerin zusammen auf der Straße sitzen zu sehen, um etwas zu verkaufen. Doch nach und nach näherten sich ein paar Neugierige und fragten, was es denn mit den dargebotenen Fläschchen und Tigeln auf sich habe. Flavia erklärte geduldig die Wirkungsweisen der verschiedenen Kräuterelixiere und Salben. Einige mutige kauften ihnen sogar einige ab.

Tag für Tag saßen sie an der selben Stelle der Hauptstraße und boten ihre Waren feil. Manche Käufer hatten die milde heilende Wirkung der Salben und Elixiere am eigenen Leib verspürt, erzählten dies ihren Nachbarn und Bekannten, die danach bei Flavia vorbeikamen und kauften. Sogar Legionäre des Lagers, kamen in Zivilkleidung, die meisten in einer Paenula mit ins Gesicht gezogener Kapuze, um nicht erkannt zu werden, um nicht Schmach als Mann und Legionär, der persönlich bei einer Frau etwas kaufte, zu erleiden.

Die Wirkung und der angenehme Duft der Elixiere und Salben hatten sich mittlerweile in der ganzen Umgebung herumgesprochen, viele kamen sogar vom weiter entfernten Ort Carnutum zu Flavia und Sarah, nur um etwas gegen ihre kleinen, aber unangenehmen Leiden zu erstehen. Die beiden Frauen hatten mittlerweile große Nachfrage. Ein paar Sklaven wurden zum Brauen und Abfüllen in der Küche angelernt. Die Mischung der Kräuter, die Rezepturen und die Dosierung blieben allerdings ein streng gehütetes Geheimnis.

Nach einiger Zeit waren die beiden Frauen sehr wohlhabend geworden, Flavia hatte ihre treueste und engste Vertraute längst frei gelassen. Die Käufer pilgerten mittlerweile zum Haus des Gaius, um die Heilsalben- und Elixiere zu erwerben. Flavia sprach nun stets mit fester, lauter Stimme. Sie schwatzte und scherzte gerne mit den Kunden.

Eines Morgens, als Flavia und Sarah die Straße entlang spazierten, kam ihnen eine Kompanie entgegen. Sie wichen zurück und setzten sich an den Straßenrand, um die marschierenden Soldaten vorbeiziehen zu sehen. Der Anführer übersah einen auf der Straße liegenden kleinen Stein, stolperte und fiel bäuchlings auf die Straße nieder. Flavia und Sarah sahen einander an und begannen schallend zu lachen, „Sieh Dir den an“, gluckste Flavia und lachte so heftig, daß ihre Augen zu tränen begannen.

(c) Fluchtachterl 2002 und 2020 Nachbearbeitet

Abgrund

Bereits beim ersten Mal als Ramona ihn gesehen hatte, war sie in gewaltigem Bann gezogen. An einem übel beleumdeten Ort fand sich Ramona in jener Nacht ein. Unerklärlich war die Kraft, welche sie zu jener Örtlichkeit geführt hatte, gleich einem unheimlichen Fluch, dem sie nicht mehr zu entkommen vermochte.

In einer finstren, engen Seitengasse lag das Lokal, in einem Kellergewölbe. Nebel verhing die Stadt, feuchte Kälte drang Ramona bis ins Mark. Laternen zauberten gelblich verschwommene Lichtkronen in die tiefe Schwärze. Menschenleer war die Gasse, schaurig die Stille.

Ramona schritt die Treppe zur schwarzen Tür hinab. Dumpfer Lärm drang nach draußen. Mit zitternder Hand öffnete sie die Türe, stand inmitten gespenstischer Gestalten, welche im schummrigen Licht, im Qualm nur undeutlich zu erkennen waren. Der Barmann fragte sie in gleichgültigem Tonfall nach ihrem Wunsch. Seine und Ramonas Augen trafen sich schließlich, ein tiefer Blick. Seine blaue Augen mit aufforderndem Blick, der Spitzbart.
„Ich bin Dimitri!“, sagte er.

Verloren war sie ab jenem Augenblick. Sie besuchte, so oft es ihr möglich war, jenen verkommenen Ort, nur um ihn zu sehen, Worte mit ihm zu wechseln. Mit jedem Mal wuchs Ramonas Begierde und nahm Besitz von ihren Gedanken.

Dimitri behandelte sie mal mit überaus freundlicher Zuneigung, mal mit kalter Zurückweisung. Ramona ließ es mit sich geschehen, verstrickte sich mehr und mehr in ihre Begierde. Dimitri, fühlte sie, hatte Freude daran, sie zu narren, ihr Hoffnungen zu machen, um diese alsbald wieder zu zerstören. Genußvoll schien er Ramonas Leiden zu beobachten, wenn er sich ihr gegenüber grob oder gleichgültig verhielt.

Die Gäste waren Nachtgestalten, die nur im Dunkeln heimisch waren. An jenem Ort liebelte jeder mit jedem. Dann und wann waren Ausrufe der Lust aus den Aborten zu hören. Ramona hatte sich anfangs davor geekelt, war es doch nicht ihre Welt, in welche sie immer häufiger hinabstieg. Doch schließlich begann sie sich dabei vorzustellen, wie es wäre, mit Dimitri ebendort der Wollust zu frönen.

Stets erriet er Ramonas Wünsche, streifte, so als ob es unbeabsichtigt wäre, an ihre Brüste, an ihre Hüfte an, warf ihr währenddessen begierige Blicke zu. Ramona war mehr und mehr gefangen in jener Welt. Der Sog ihrer Gier nach Dimitri zog sie hinab in immer tiefere Schlünde, in beklemmende Unwelten aus dunklem Morast. Verfangen in den Gespinsten des Fluches, schlug ihre Seele um sich, wehrte sich gegen die klebrigen Fäden, die sie fest hielten. Je heftiger sie sich zu befreien versuchte, desto schlimmer wurde sie darin verstrickt.

Dimitris Spiel wurde zunehmend dreister, je öfter Ramona den Ort aufsuchte. Er witzelte mit anderen Gästen über ihre Art zu sprechen, ihre Art sich zu gebärden, deutete derweil auf sie, so daß die anderen lachten, warf ihr mal begierige, mal abwertende Blicke zu. Bisweilen tauschte er mit anderen Frauen heftige, tiefe, Küsse und blickte währenddessen zu Ramona hinüber. Wenn er bemerkte, daß sie ihn entsetzt anstarrte, umfaßte er die Hüften der Geküßten, berührte schließlich durch den Stoff der billigen Kleider deren Brüste. Anschließend widmete er sich wieder Ramona, meinte, dass dies nur Spaß sei und nicht ernst genommen werden dürfe. So litt Ramona in vielen Nächten.

Die Gäste spotteten ihrer in zunehmend unverschämter Weise, sie kümmerte sich nicht darum.

Eines Nachts betrat Dimitris Frau, eine gewöhnliche Person mit derber Sprache, den Ort. Das Paar begann zu streiten. Einer der Gäste ging auf Ramona zu.
„Seine Frau!“, spie er ihr mit breitem Grinsen ins Gesicht und kehrte zu seiner sinistren Runde zurück.

Wer das seltsame Weib denn sei, brüllte ihn seine Frau an. Dimitri tippte sich mit dem Zeigefinger an die Stirn.

„Eine Irre!“

Ramona verließ den Ort. Sie wusste, daß er sie hinter ihrem Rücken mit Häme zu überschütten pflegte, diese Deutlichkeit jedoch bereitete ihr zu große Pein. In tiefer Scham über sich selbst, lief sie die Gasse entlang zur Hauptstraße. Hinabgefallen war sie in unendliche Tiefen, vernachlässigt hatte sie sich. Fahl war ihr Gesicht, fettig und strähnig ihr Haar geworden. Ihre Stelle, ihre Wohnstatt, ihr Ansehen, waren ihr gleichgültig. Einzig Dimitris unheimlicher Sog war ihr wichtig. Oftmals bezahlte sie ihm Getränke, gab großzügig Trinkgeld, um sich sein Lächeln, einen flüchtigen Augenblick der Zuneigung zu erkaufen. Die Erniedrigungen ertrug sie, gierig nach einem Moment des Zusammenseins, der nicht zu erringen war. Ramona betrank sich regelmäßig wenn sie dort war, um die Unmöglichkeit der Erfüllung ihres Verlangens zu vergessen.

Sie lief die Hauptstraße entlang. Ihr Kopf wankte im Rausch, Lichter verschwammen, vermengten sich in undeutlichen Farbenspielen. Ramona verlor die Besinnung, fiel auf den Gehsteig. Nieselregen benetzte ihre Kleidung bis die kalte Nässe auf die Haut drang.

Fluchtachterl 2003/2020 (überarbeitet)

An die ersehnte Liebe

Es gibt uns nicht! Es könnte uns geben. „Wir“ bleibt somit im Unwirklichen verortet, eine Vorstellung, eine Möglichkeit, oder gar nur ein flüchtiger Traum.

Meine unerfüllte Liebe, wie sehr ich Dich begehren, Dich verehren, unendlich lang scheinende Zeit in Deine wunderbaren Augen blicken würde, wenn es uns gäbe. Wie Deine Umarmung nach erfolgtem Akt der Liebe mich in Dir verlieren ließe bis ich in unbeschreiblichem Frieden einschlafen könnte, Deinen Atem in meinem Nacken spürend, sanft und lind, bis ich träume von Wiesen, Feldern im Frühling, durch die wir Hand in Hand wandern.

Wenn es uns gäbe, wäre Deine Umarmung, in die ich mich fallen lassen könnte, geborgen in Vertrautheit, Quelle des Lebens, des Trostes, der Freude. Ja, wenn es uns gäbe. Ich würde Deine Tränen von den Augen küssen, wenn etwas Dich traurig machte, und Du die meinen, wenn schwerer Kummer mich plagte. Wir würden ein Gericht erfinden, es zubereiten, eines, das einzig uns beiden schmeckt. Wir würden durch eine große Stadt schlendern, im Gebirge an klarsten, in hellstem Blau glitzernden Seen sitzen bis die untergehende Sonne den Himmel karmin und purpur färbt, in sommerlicher Landschaft Wein trinken, von Anhöhen über die Dächer von Städten blicken, im goldenen Herbst durch den Wald wandern, den Duft der abkühlenden Erde atmend. Wir würden einander anblicken, ohne ein Wort sagen zu müssen. Wir würden den dümmsten aller Witze erfinden, um stundenlang darüber zu lachen, bis unsere Körper schmerzen. Unser beider Liebe wäre sowohl Erde als auch Poesie.

Gäbe es uns, würden wir eine Insel erschaffen, wo wir uns von der Welt erholend, in unser beider Liebe leben, die uns zu den schönsten Menschen füreinander erheben würde, wo wir aneinander wachsen würden, in Hingabe, Zuneigung und Achtung, einzigartig, vereint und doch zwei Menschen. Wir wären das, was Liebende in bestem Sinne sein sollten. So lange bis wir zu dem werden, was wir vor unserer Ankunft auf dieser Erde waren, Sternenstaub. Ja, wenn es uns gäbe…

Niemandswelt

Marta stand am Fenster, blickte auf die Straße, über die kahlen Köpfe der Menschen, die vereinzelt vorbeifahrenden Fahrzeuge, blaue und gelbe. „Eins, zwei…“ Sie zählte die gelben Fahrzeuge, die blauen ließ sie aus.

In ihrer Erinnerung gab es Straßen, die von Autos, Bussen, Motorrädern und Lastwägen verschiedenster Form und Farben befahren waren. Gehsteige, die von Menschen belebt waren, die verschiedenste Kleidung getragen hatten, Haare je nach Geschmack frisiert trugen. Sie selbst hatte in jener fernen Zeit ihr rotes langes Haar oft zu einem Pferdeschwanz gebunden.

Eine Zeit, als Gernot bei ihr war, dessen Bart stets ihre Wange kitzelte, der karierte Hemden in verschiedensten Farben trug und über dessen blondes, kurzes Haar im Igelschnitt sie mit ihrer Hand gestrichen hatte, als sie beim Lesen auf dem Sofa gelegen hatten und sein Kopf auf ihren Schenkeln lag. Auch dachte sie an die Gläser Rotwein, die sie abends oft zusammen getrunken hatten.

„Wein“, dachte Marta, wann es wohl das letzte Mal gewesen sei, daß sie welchen getrunken habe. Das Zeitgefühl war ihr abhanden gekommen.

Sie schloß ihre Augen, sah in ihrem Inneren Gernot. Seine Küsse konnte sie noch spüren nach all der Zeit, auch seine Umarmungen, aber sein Geruch war nicht mehr in ihrem Gedächtnis, auch nicht der Duft seines After Shaves, oder der seines Haarwassers. Wenn sein Geruch ihr nicht mehr in Erinnerung kommen konnte, würden auch seine blauen Augen, der schmal geformte Mund, seine knochiger Nasenrücken, seine gesamte Statur verschwinden bis nichts mehr von ihm übrig war? Sie hatte sich stets auf seine Seite des Bettes gedreht, um noch etwas von ihm einzuatmen als er morgens das Haus verließ, um zur Arbeit zu gehen. Ihren Antiquitätenladen hatte sie erst vormittags aufgesperrt und war stets länger im Bett geblieben als er. Damals.

Von draußen drangen nur die dumpfen Schritte der glatzigen Fußgänger in olivgrünen Hosenanzügen und das gedämpfte Rollen der Fahrzeuge am Kunststoffahrbelag. Sie strich mit der Hand über ihren kahlen Kopf und spürte Ansätze von Stoppeln. „Ich muß wieder enthaaren, sonst gibt’s Ärger…“, dachte sie und ging zur Badenische ihrer Wohnraumeinheit.

Sie hielt den Ellbogen gegen den Kommunikator, der den implantierten Chip ablas. Marta tippte mit dem Zeigefinger auf das Enthaarungssymbol des kleinen Bildschirms.

Ihre Spraydose mit Enthaarungsschaum war noch halb voll, sie sprühte Schaum in ihre Hohle Hand, rieb ihn mit sachten Bewegungen am ganzen Körper ein. Der Schaum brannte auf der Haut, am Kopf an den Gliedmaßen, der Scham. Sie tastete ihren Körper ab. Ihre Haut war schlaff, dünn, wie Pergament, hing an den Knochen, schuppte und begann sich an den Stellen, wo der Schaum eingetrocknet war, zu röten.

Das Hautöl, das mit den Nahrungsportionen vor ihrer Tür gestanden hatte, war ausgegangen. Es würden ihr einige Tage mit Jucken und Brennen der Haut bevorstehen, dachte sie, stellte sich unter die Dusche. Der Wasserstrahl war schwächer als üblich, zumindest war das Wasser angenehm warm. Die vom Schaum gelösten Haarstoppel blieben in der Brausetasse verteilt liegen, als das Wasser jäh aufhörte zu fließen. Sie hielt den Ellbogen gegen den Kommunikator, legte ihren Zeigefinger auf das Symbol „Wasser“ auf dem Bildschirm, um die Stoppeln wegzuspülen, es kam jedoch das Symbol für „verbraucht“.

Gernot hätte dies nicht gestört, hatte er doch stets die Waschmuschel ungespült nach dem Rasieren zurück gelassen, was sie regelmäßig in den Wahnsinn getrieben hatte. Andererseits war er in manchen Anglegenheiten pingelig gewesen, hatte die Angewohnheit, mit heftigen Bewegungen die Hemdkrägen mit Gallseife einzureiben bevor er sie in die Waschmaschine gelegt hatte.

Marta zog ihren olivgrünen Hosenanzug an. Der Stoff kratzte. Sie war froh, daß sie derzeit zu keinem Arbeitsdienst beordert wurde, bei den Hautreizungen wäre dies unangenehm geworden, denn man wußte nie welche Art von Dienst man zu verrichten hatte. Aufräumarbeiten in den Straßen wären ihr nicht unangenehm gewesen, da man nicht ständig beobachtet wurde, aber eine Tätigkeit wie bei ihrem letzten Arbeitsdienst am Fließband, wo sie Nahrungsportionen in braunes, dickes Papier einzuwickeln hatte und man dabei von Kameras beobachtet wurde, wobei man bei mangelnder Geschwindigkeit eine Abmahnung von einer Blechstimme bekommen hatte. Jener Dienst war ihr selbst bei körperlichem Wohlbefinden und ausreichend Schlaf schwer gefallen.

Von den Fenstern kam das rotgoldene Licht der untergehenden Sonne in die Wohneinheit. Wie gerne würde sie sich auf ein Sofa setzen oder in ein Fauteuil, dachte Marta, doch es gab nichts als das Bett mit einer Gummimatratze, einen Aluminiumschrank, die Badenische, den grauen Bodenbelag. Nicht einmal ein Spiegel war vorhanden. Marta verkniff sich einen Seufzer, das Mikrofon am Kommunikator hätte ihn bemerkt, später wäre eine Uniformierte zu ihr gekommen und hätte sie mitgenommen, in eine Zelle gesteckt, in der nur ein Sessel gestanden wäre auf grauem Steinboden. Einmal hatte sie „Gernot“ im Schlaf geschrien und am Tag danach die Prozedur über sich ergehen lassen müssen. Wenn man es im Schlaf tat, das Sprechen, mutmaßte Marta in ihren Gedanken, würden sie einen nur in eine Zelle stecken für ein, zwei Tage und man würde nicht verschwinden, wie ihr Nachbar, dessen Schreianfall sie vor einiger Zeit durch die Wand gehört hatte. Eine Niemandswelt sei diese, dachte Marta, in der man nicht sprechen dürfe, man seines vorherigen Lebens und den Liebsten beraubt sei, eine Welt in der es kein Papier gebe und keine Stifte, um ihre Erinnerungen aufzuschreiben, keine Spiegel, keine Musik, keine Filme, kein Theater, keine Bücher, keine Zeitungen, nicht einmal Kochgelegenheiten, die geleeartigen Nahrungsportionen ernährten sie, die einem vor die Tür gestellt wurden.

Sie kämpfte gegen den unentwegten Zwang, ihr vorheriges Leben aufzuschreiben, einer nicht vorstellbaren Nachwelt, über ihre Eltern, ihre Schwester Lisa und über Gernot zu berichten. Was wohl mit ihnen geschehen war? Marta kerbte ihre Zähne tief in den Ellbogen, spürte, wie Tränen ihre Augen füllten.

Es verging eine Weile, bis Marta sich wieder beruhigte. „Es hilft ja nichts!“, dachte sie, der innere Schmerz klang ab. Sie war sich sicher, daß in den Nahrungsportionen etwas hineingemischt wurde, das einen nach inneren Gefühlsstürmen beruhigte, gleichgültiger machte. Das Licht in der Wohneinheit hatte sich inzwischen eingeschaltet. Sie ging zum Fenster, draußen war Nacht, nur Dunkelheit und Stille. Das Fensterglas spiegelte nicht.

Wie alt sie wohl sei, fragte sie sich, es war jedes Zeitgefühl abhanden gekommen, ohne Uhren, ohne Kalender, bloß der Wechsel von Tag zur Nacht, von Jahreszeiten, der Witterung an den Orten, an die sie verbracht wurde. Orte, die wechselten ohne sich groß zu unterscheiden. Wohneinheiten, Arbeitsstätten, Straßen, Gebäude glichen einander, nur die Luft roch überall anders, die Witterung war stets verschieden.

Marta war der Ort, an dem sie sich gerade befand, nicht dermaßen unangenehm wie der vorherige, der glühend und feucht war, mit Vegetation, die sich durch Gehsteige bohrte. Trotz der Luftkühlung in der Wohneinheit und zusätzlichen Trinkwasserrationen war er ihr unerträglich gewesen. Dieser hier war trockener, hatte milde Temperaturen. Der Kommunikator gab den Signalton für Schlafen gehen. Marta legte sich auf das Bett und hoffte, bald einschlafen zu können.

Vopti

Gerald spürte den unangenehmen Hauch als Marta ihm ins Ohr flüsterte. Alexandra, arbeite ungenau. Ob er es denn nicht bemerkt habe, daß die Kampagne für die Produktreihe Vopti nicht gerade eine Meisterleistung sei.

Er schüttelte den Kopf, wandte seine Blicke nicht von der Tastatur ab.

Marta war beharrlich. Gerald ließ ihre Annäherungen nicht zu, was sie immer heftiger anzustacheln schien. Er fühlte ihre Blicke, was ihm erst unangenehm dann widerlich war.

Der Abteilungsleiter betrat das Büro, bat Marta, ihm bei der Kontrolle der Verkaufszahlen der Vopti-Produktpalette zu helfen.
„Endlich“, meinte Marta, „das liegt mir schon länger im Magen! Alexandra ist ja so nachlässig!“
Gerald blickte ihnen nach, als sie gemeinsam den Raum verließen.

Er kratzte sich an der Wange, ließ seine Augen am Bildschirm verweilen, rieb an seinem Spitzbart. Gerald schloß die silbergrauen Jalousien, da die Wolken sich verzogen hatten und die Sonne in das karg eingerichtete Büro strahlte. Seufzend vergrub er sein Gesicht in den Händen. Ausgerechnet heute war Alexandra auf dem Begräbnis ihrer Großmutter.

Er fühlte die Wölbungen der gepolsterten Sitzfläche seines Drehsessels, auf dem es sich nicht sonderlich angenehm saß, hatte die Ellbogen auf die spiegelglatte, kalte Oberfläche des grauen Schreibtisches gestützt. Abgespannt war er, müde. Unzählige Überstunden, selbst so manches Wochenende hatte er zusammen mit Alexandra verbracht, um die angeordnete Kampagne für die Vopti Serie auszuarbeiten, die Verkaufszahlen und Umfragenergebnisse zu analysieren. Kosmetik verkaufte sich schlecht in Krisenzeiten.

Marta kam zurück. In ihre Stirn hatte sich kämpferische Falten gelegt, was, wie Gerald aus Erfahrung wußte, nicht Gutes bedeuten konnte.

„Alexandra ist noch nicht da, der Chef will euch sehen“, es war ihr schrill keifender Ton, der Gerald stets eine Art Schauder verursachte und die Augen zusammenkneifen ließ.
„Vopti ist ja nicht gerade ein Überflieger“, fügte sie in genußvollem Ton hinzu.
„Erzwingen“, antwortete Gerald, „erzwingen kann man nichts!“

„Na ja, ist halt daneben gegangen, falsche Strategie, vielleicht zu viel Schlendrian bei der Beobachtung von Verkaufszahlen, Ungenauigkeiten in der Analyse, na ja!“

Gerald litt unter den ständigen Anfeindungen, die Marta Alexandra entgegenbrachte. Selbst wenn er es sich nicht gänzlich eingestehen wollte, hatte er doch gewisse Zuneigung zu seiner Kollegin entwickelt. Alexandra war, wie er fand, sehr hübsch, ihr dunkelblondes Haar im zu ihrem Typ passenden Bubikopfschnitt, sie kleidete sich mit Geschmack, sprach fließend Italienisch. Ebenso war er angetan von Alexandras Schüchternheit, ihrem bescheidenen Wesen, ihrer Hilfsbereitschaft, ihrem oft schamhaften Lächeln, wenn ihr einmal, was selten vorkam, in der Firma ein Kompliment gemachte wurde.

Martas Bescheidenheit wirkte in Geralds Augen im Gegendsatz dazu aufgesetzt, bigott, anerzogen. Er verabscheute ihr gekünstelt freundliches Lächeln, mit dem sie ihre Opfer zu täuschen und in Sicherheit zu wiegen versuchte, bis sie begann Gerüchte zu verbreiteten, sowie erfundene Anschuldigungen jedem zu erzählen, dem sie habhaft wurde.

Alexandra traf im Büro ein. Das Begräbnis hatte sie augenscheinlich arg mitgenommen, hatte sie doch bei ihrer Großmutter einen guten Teil ihrer Kindheit verbracht, wie sie ihm einmal erzählt hatte als sie nach Arbeitsschluß zusammen in der Straßenbahn gefahren waren. Er suchte nach Worten der Aufmunterung, doch konnte sich nicht dazu durchringen, etwas Geeignetes zu sagen.

Die beiden blickten einander wortlos an, als Marta mit „Der Chef, der Komarek, will was von euch!“ die stickige Luft im Büro durchschnitt.
Alexandra zog ihre Augenbrauen zusammen und ging hinaus auf die Toilette.

Auf Gerald starrend, stand Marta im Büro.
„Aber an dir liegt’s doch nicht, ich kann das beurteilen!“
Sie ging auf Gerald zu, stellte sich hinter ihn, legte einen Arm um seine Schultern, mit der Hand strich sie ihn um den Bart. Gerald war angewidert, zuckte zurück, drehte sich mit dem Sessel von ihr weg.

„Ihr solltet jetzt rein“, meinte Marta, als Alexandra zurückgekommen war und ließ augenblicklich von Gerald ab.

Herrn Komareks Miene war steinern, in seiner Stimme lag eine Art künstlicher Unterton theatralischen Ernstes, als er Gerald und Alexandra gegenübersaß. Er wies ihnen mit einer Handbewegung, sich zu setzen.
„Die Zahlen“, brummte der Abteilungsleiter Komarek, „sind sehr schlecht. Frau Marta Voitek hat mit mir alles ganz genau analysiert. Wir sind die Mängel durchgegangen.“

Gerald fühlte wie sich in seinem Bauch eine Art Krampf auszubreiten begann, der sich gleich einem borstigen Wurm langsam die Speiseröhre hinaufschlich.

„Es tut mir sehr Leid, aber ihre Dienste werden nicht mehr gebraucht. Frau Voitek wird die in Zukunft stark verschmälerte Vopti-Palette übernehmen.“

Alexandra stand auf, sprach kein Wort. Gerald blieb noch einen Augenblick im Plastiksessel sitzen, nestelte am Ärmel seines Sakkos.
„Gut, das wär’s, also am Fünfzehnten bekommen sie das Schreiben! Im Namen von Mukus Cosmetics, danke ich für ihre wertvolle Mitarbeit!“

Der Abteilungsleiter drückte den beiden noch die Hand.

„War’s schlimm?“, Martas gespielt mitfühlender Ton, als die beiden wieder im Büro erschienen.
Gerald schwieg, bemerkte, daß Alexandras Augen gegen das Aufkommen von Tränen ankämpften, beobachtete wie sie ein paar Zettel, sowie den versilberten Füllfederhalter in ihre Handtasche steckte und den Raum verließ.

„Wart auf mich!“, stotterte er knapp hervor.
Marta zupfte ihn am Ärmel.
„Vielleicht kann ich noch was glatt bügeln für dich“, flüsterte sie.
Gerald zog den Ärmel von ihren Fingern los, verließ grußlos den Raum, knallte die Türe hinter sich zu.

Er spürte wie sich sein Gesicht erhitzte, als er aus dem Haupttor des Gebäudes ging. Alexandra stand am Gehsteig, die Handtasche an der Unterseite mit ihren Fingern fest umkrallt gegen den Bauch haltend, stampfte abwechselnd von einem Fuß auf den anderen.

Gerald stellte sich neben Alexandra.
„So eine elende Drecksau“ schnaubte er.

Sie sah ihn für einen Moment in die Augen und meinte mit erstickter Stimme: „Komm, gehen wir was trinken oder zu mir, hab was im Eiskasten!“
Gerald willigte in die Einladung ein. Alexandra wohnte im vierten Bezirk nicht weit von der Innenstadt.

Kurze Zeit danach saß Gerald mit Alexandra in ihrer winzigen Küche. Ihre Wohnung hatte hohe Altbauwände, Flügelfenster mit Holzrahmen. Zwei Bierdosen zischten beim Öffnen. Sie schwiegen.
„Und jetzt?“, Gerald sprach sehr leise, musterte die weiße Tischplatte, die geblumte Plastikunterlage mit dem Krug, in dem ein paar welke Margariten ihr Leben beendeten.

„Weiß auch nicht, wird schwierig! Ich hab das eh schon öfter durchgemacht!“ Alexandra blickte auf die welken Blumen. Gerald schmunzelte, als er sie einen großen Schluck aus der Dose nehmen sah.
Am liebsten, meinte sie, würde sie ihr bisheriges Leben hinschmeißen, gar nichts mehr arbeiten, in die Südsteiermark ziehen, dort ein Landleben führen. Sie habe, erzählte sie, ja immer irgendwelche „Voiteks“ erlebt.
„Die hat mich begrabscht! Mit ihren dreckigen Fingern am Bart, wo ich besonders empfindlich bin! Mir hat so gegraust!“

„Die wollt mit dir…“ Alexandra verkniff sich, den Satz zu Ende zu sprechen.
Gerald bereitete das Thema großes Unbehagen, da ihm vor Martas Annäherungsversuchen geekelt, er sich geschämt hatte.
„Hätts’t was gsagt!“, fuhr Alexandra fort.
„Alexandra ich bitt dich! Und wem, dem Chef vielleicht? Grad dem Komarek, nein! Gstunkn hat’s auch die Vettel, wie’s ma da immer so zugrabbelt is!
„Hör, auf! Widerlich!“ Alexandras Miene verzog sich vor Ekel.
„Laß ma das!”, sagte er.

Er hörte Alexandra zu, wie sie Lebensgeschichten von sich erzählte, ihrer Schulzeit, der Universität, einer Jugendfreundin, die sie aus den Augen verloren hatte, von Eltern, die kaum Zeit gehabt hatten, von ihrer Großmutter, bei der sie sehr viel Zeit ihrer Jugendverbracht hatte. Alexandra sprach langsam ruhig, an manchen Stellen jedoch überschlug sich ihre Stimme.

Gerald sprach über schreckliche Versagensängste, Angst, der kleinste Schnitzer könne ihn aus der Bahn werfen, daß er auch oft daran gedacht hätte, ein neues Leben anzufangen, er sich selbst oft dermaßen unter Druck setze, daß es ihm oft den Schlaf raube.
„Meine Nerven“, erzählte Alexandra, „sind auch oft nah am zerreißen.“

Er strich sich über seinen Spitzbart, nippte an der Bierdose.
„Magst nicht ein Glas haben?“, hörte er sie fragen.
„Was braucht a Arbeitsloser a Glas!“
Alexandra kicherte.

Seine Exfreundin, lachte er, habe ihn nach dem ersten Verlust der Arbeitsstelle verlassen, es wäre ihr zu unsicher bei ihm gewesen.
„Wo warst’n vor Mukus?“
„Bei einer Computerfirma, die haben dann dicht gemacht! Schulden hab ich wegen der Wohnung, da muss ich dazuschaun! Meine Ex wollte halt den Übermann…“

Alexandra streckte ihre Hand aus, er spürte das sanfte Streichen ihrer Finger über seine Wange, schloss während der Berührung die Augen. Sie nahm einen großen Schluck aus der Dose, fing abermals an, von ihrer unglücklichen Schulzeit zu erzählen. Gerald bemerkte, wie sie das Wort ‚damals’ beinahe verschluckte.

Alexandra fuhr sich mit den Fingern durch die Haare, rieb an ihrer Nase, senkte den Kopf, lächelte verschämt. Gerald sah sie an. Er streckte seine Hand sachte, zögernd aus. Alexandra ließ seine schüchterne Hand sich nähern, bis er fühlte wie ganz sanft die Finger der beiden sich ineinander verflochten. Ihr verlegenes Lächeln.

„Wir haben uns eigentlich nie richtig kennen gelernt.“
„Das holen wir jetzt nach“, brummte Gerald sanft.

Es war spät geworden. Alexandra schlug vor, daß er am Sofa schlafen könne. Gerald dachte kurz nach, lehnte ab. Als sie an der Türe standen, sah er ihr tief in die Augen, nahm sie plötzlich in seine Arme, drückte sie fest. Er fühlte wie Alexandra sich fallen ließ, drückte sie fester, wog sie in seinen Armen. Weinen platzte aus ihr heraus.
„Meine Oma…“
In den rauen Stoff seines Sakkos, flossen, all der Zorn, die Enttäuschung, die Trauer über die verstorbene Großmutter.
„Nicht aufhören“, hörte er sie mit erstickter Stimme wispern.
„Ich bleib doch über Nacht!“, flüsterte er ihr ins Ohr.
„Ja, bleib!“

© Fluchtachterl

Zaun

Heast host du „Zaun“ gsogt?

Na, hob i net!

Doch du host „Zaun“ gsogt!

Na, dea duat hot „Zaun“ gsogt.

Na, hob i net.

Doch, i hobs jo gheat!

I hob „Pfaun“   gsogt!

Geh bitte tua net schmättan!

Zaun host gsogt.

Naa! Kruzifix noch amoi! „Pfaun“ hob i gsogt.

Und wos soi „Pfaun“ sei, ha?

Na jo, so wia „pfau“ nua hoit mit an „n“ aunighengt. „Pfaun, is des guat!“ zam Beispü.

Geh sei ned so deppert, kana sogt „pfaun“.

I scho.

Depp!

Da Nochba, dea hot „Zaun“ gsogt.

Wos?

Jo, i hob’s gheat.

I hob „Faun“ gsogt, net „Zaun“.

Wos is des wieda fia a Stuss, „Faun“?

A mythologische Figua ausm oidn Rom, du Wappler!

Da Hea Gscheid! Ausredn, Ausredn wäul a „Zaun“ gsogt hot.

„Endlich ahn Faun damit a Ruah is“ hob i gsogt. Na jo, dea soi eascheinan dea Faun, damit ma a Ruah hobn.

Voikoffa, du! Deine lauwoaman Ausredn kaunst da eimassian.

Kumman’S Hea Inspekta, do hom mindestens via Leit „Zaun“ gsogt in deh letzn poa Minutn.

Inspekta gibt’s kan. Oiso, wea hot do „Zaun“ gsogt? Des is vabotn.

Tan’S wos, deh hom „Zaun“ gsogt.

Geh Trude, du Pfludern, Vanaderin, grod host as söwa gsogt!

Wos?

Na „Zaun“!

Soda, jetzt gibt’sa Vawoanung von mia und doß kana mea „Zaun“ sogt vo deh Heaschoftn do, sunst möd i des meina Dienststö.

Jawohl, Hea Inspekta.

Inspekta gibt’s kan.

Wos haßt des Wuat, des ma net sogn deaf, auf Ungarisch?

Wieso auf Ungarisch?

I glaub deh woan’s zeascht drau mit dem Rundumadum, des ma net sogn deaf.

Kerités…

Ah schau wea do oweruaft vo de büllichn Plätz. Wohea wahßtn du des?

Mei Frau is vo Ungarn drübn.

Ah jo, und duat deaf ma des sogn?

Jo!

I frog mi nua, wos ma muagn nimma sogn deaf…

Enagiaspoalaumpn, hahaha!

Hoits zsaum, sunst diaf ma muagn goa nix mea redn!

Is eh bessa bei dem Bledsinn heitzatog.

Zerstreuen Sie sich Inan sunst hol i meine Kollegen…

Jo, Hea Inspekta.

(c) Fluchtachterl, November 2015

Lampenfieber

Nachtstunden zerren und ziehen, der Schlaf bleibt aus. Die Zeiger mahnen bis zur Morgenstunde. Aufstehen mit Schwirren im Kopf, ein Frühstück heruntergewürgt, Kaffee, Tabletten ohne Schmerz zu haben um des Wachwerdens willen. Ankleiden, zum Ort des Tuns hin im Laufen durch Menschenmengen. „Was wird sein? Wie wird’s sein?“ Das Unbekannte.  Ein Mikrofon, die Zuhörer, Herzpochen. Stunden schleppen sich bis zum Ende. Es nicht mehr tun müssen! Das Geld zum Leben, käme es doch aus anderer Quelle! Dennoch sagt man sich danach „Ich hab’s vollbracht!“

Fluchtachterl, Juni 2015 009 (c) Fluchtachterl, Mai 2015

Bratislava Blues

Würde mich jemand fragen, wie es mir gehe, müßte ich antworten „ich weiß es nicht“. Nur, daß die Entscheidung an diesem Tag hierher zu fahren die richtige war. Das Aufspannen des Regenschirms, als ich den Bahnhof verlasse, eine durchfeuchtete Zigarette, die einen kurzen Stich in der Brust hinterläßt beim ersten Zug, das Warten auf den Bus, das nasse Straßenpflaster, das erste Frösteln.

Scheinwerfer spiegeln sich im nassen Asphalt. Der Bus, ich spanne den Schirm ab, steige ein, die SNP-Brücke, das Klatschen beim Durchfahren einer Pfütze. Die Stadt abgedunkelt unter den dichten, grauen Wolken. Zochova. Der Martinsdom. Sein Turm mit dem türkisfarbenen Dach dessen goldene Verzierungen bis zur Spitze reichen, vernebelt.

Die Altstadt, nur mein Kopf bleibt trocken vom Schirm geschützt, Regen dringt von allen Seiten durch meine viel zu dünne Kleidung, die nun naß und kalt an der Haut klebt. Mich fröstelt, dennoch halte ich inne auf der Brücke zum Michaelertor über den Stadtgraben, sachtes leicht schwebendes Erahnen von Endzeit in mir, umgeben von all der in Trübe seufzenden berückenden Schönheit, Sankt Nepomuk der über all die überstandenen Jahrhunderte sinnend, wehmütig zum Heiligen Michael gegenüber blickt.

Aufgeweichte Schuhe. Das Prasseln des Regens, das Geräusch meiner eigenen Schritte in verwaisten Seitengassen. Nasses Katzenkopfpflaster mit all seinen jahrhundertealten Unebenheiten, auf dem ich auszurutschen drohe. Das Gesicht der Stadt ernst, nur vereinzelt hört man von ihr Töne, in diesen engen Gassen schweigt sie ganz. Ein paar versprengte Touristen in Regenmänteln gehen an mir vorbei. Eine Laterne, das Leuchtschild eines Bierlokals, die sich in der Nässe des Pflasters spiegeln. Meine Blicke verweilen auf Gesimsen, Fenstergiebeln, Portalen mit Figuren. In meinem Kopf ein Musikstück auf Klavier gespielt. Heute zeigt die Stadt nicht ihren spritzigen, kecken Humor, der ihr sonst zu eigen. Selbst der Cumil, der Gaffer, glotzt ins Leere, der „Schöne Náci“ hat kaum jemanden, den er grüßen kann.

Es riecht ein wenig faulig, das Plätschern der Rinnsale und meine bedrückenden Gedanken, die ich hierher mitgenommen habe. Ein Innenhof, Bögen, Säulen mit Kapitellen aus Akanthusblättern, Putten, an den Ecken herabbröckelnder Verputz. Ich lasse mich treiben, habe kein Ziel, gelange in die Dunajská. Bauten aus den Sechzigern, Reklameschilder. Hunger, aber keine Lust zu essen, gleichwohl ein Weckerl unter einem Vordach eines Betonbaus gegenüber rasch verzehrt.

Der Abend bricht langsam herein, zurück zur Zochová, um den Bus zu nehmen. Über die Brücke. Man kann die Burg sehen von dieser Seite, auch sie grau, die sonst in strahlendem Weiß über der Stadt thront, sie bewacht.

Petržalka. Plattenbauten, die man farbig restauriert hat. Lichter in Fenstern, die ein Muster ergeben wie eine elektronisches Schaltpult. Verkehrsschilder, mehrspurige Straßen, es sind mehr Menschen unterwegs als in der Altstadt, ernste Gesichter, bunte Regenschirme.

Der Herbst ist viel zu früh hereingebrochen. Ein seltsames Jahr mit einem Sommer, der keiner war, auch ein seltsamer Tag mit trüben Gedanken, die ich hier zu vertreiben suchte. Die Stadt hat mir ihr anderes, ernstes Antlitz gezeigt, wir waren in der selben Schwingung. Dunkle Vorahnungen ob der Berichte aus der Welt, die nun aus den Fugen zu geraten scheint. Diese verdunkelte Ruhe im Regen, gleich einem Vorzeichen, einem dräuenden Menetekel. So als ob ein kurzer Augenblick des Innehaltens noch gewährt wäre. Hier waren sie erträglich diese Gedanken. Der Fahrplan mahnt, ich wehre mich, möchte noch verweilen. Zurück in den Moloch Babylon, der einstmals Wien war. Es muß wohl sein. Ich habe keine andere Wahl.

© Fluchtachterl, August 2014

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© Fluchtachterl, August 2014

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© Fluchtachterl, August 2014


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© Fluchtachterl, August 2014

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© Fluchtachterl, August 2014

Ungarisch-österreichische Befindlichkeit

Der Titel umgedreht, damit keine voreilige Verklärung im Kopf entsteht. Doch die Richtung ist umgekehrt, die Eisenbahn, die von Wien gen Osten fährt. Das Aufatmen, wenn das Ruckeln die Abfahrt ankündigt, die Erleichterung wenn die letzten Ausläufer der Stadt in Felder übergehen.

Da warst Du, mein Freund, schlugst mir vor,   eine Fluchtfahrt aus dem Irrsinn Babylon gen Osten zu unternehmen, in Deinem Auto, da ich keines habe. Ich sagte zu, „ja bring mich einmal mit dem Wagen weg, für einen Tag…“, wissend, daß stets irgendetwas dazwischen kommen würde, wissend, daß ich Dir nicht gram sein würde darob. Nicht gram, weil ich diesen Fluchtpunkt in Ungarn für mich entdeckte, ihn stets alleine erkundete, wodurch der Ort mir mit jedem Mal vertrauter wurde. Wenn ich dort bin ist es, als würde er mir ganz alleine gehören.

Ja, wenn wir führen. Du, der Babylon bereits verlassen hast in eine nahe gelegene Kleinstadt in Niederösterreich und es dennoch nicht schafft, den Hauptwohnsitz hier abzumelden. Ich, der hier ausharrt allen Umständen zum Trotz, einfach weil mir einen Bruch zu vollziehen unmöglich ist, da jeder Stein hier Erinnerung, abhanden gekommene Heimat.

Ja, wenn wir gemeinsam führen, Du würdest mit mir auf einer Bank dort in jener ungarischen Stadt sitzen und meine kleinen Geschichten, die ich an jenem Fluchtpunkt bereits erlebt habe, zu hören bekommen. Und Du würdest mir von Dir erzählen und ich würde indes das gemache Leben rund um uns betrachten. Ich würde Dir eine Kirche zeigen wollen, die genau so aussieht wie die zu St. Ulrich in Wien, Du würdest nach dem nächsten Café Ausschau halten. Ich würde Dir von jenem Augenblick berichten als ich wieder einmal an diesem Fluchtort war und auf einem Mauervorsprung sitzend bloß für einen kurzen Moment daran dachte, einfach in Ungarn zu bleiben, den Gedanken wieder verwarf und einen Zug nach dem anderen fahren ließ, weil in Babylon der Halbmond auf der Straße tobte. Du würdest mir wehmütig antworten „I bin froh, daß i nimma duat wohn“. Ich würde davon sprechen, daß, wenn mich wer fragte was ich von diesem oder jenem Ereignis hielte, das unsere zu Babylon gewordene Heimatstadt heimsuchte, ich nur die Antwort hätte „ich war in Ungarn, ich war nicht da…“ , als ein barbarischer Mob wegen eines läppischen Balls seltsamer Gestalten die Innenstadt verwüstete, „ich war nicht da…“.

Es reicht wenn ich hier bin wenn wieder einmal eine alte Frau bei hellichtem Tag niedergeschlagen wird, es reicht, wenn ich hier bin, wenn man Plakate aufhängt, man möge Drogenhandel bitte nicht betreiben, wenn Kinder in der Nähe sind, es reicht, wenn ich hier bin, wenn Straßenbahnfahrern Gewalt widerfährt, wenn „Messer“ Habseligkeiten von Wehrlosen erbeuten. Es reichte als ich hier war und persönlich erleben mußte wie morgenländischer Testesteronüberschuß einen ganzen Straßenbahnwaggon drangsalierte und die Fahrgäste bei der nächsten Haltestelle flüchtend ausstiegen. Es reichte, als ich hier war und einen Raubüberfall über mich ergehen lassen mußte.

Wir würden bei der Rückfahrt nach der Grenze all jene verfluchen, die uns das angetan haben.

Dort, dort möchte ich nicht an all das hier denken, nur ein paar Sätze in der Sprache mit sieben Siegeln radebrechend alles vergessen.

Nein, ich werde Dir nicht böse sein, mein Freund, wenn wir unsere Fahrt immer wieder verschieben, weil etwas dazwischen kommt. Ich weiß nicht, ob ich jenen Fluchtort teilen könnte. Dennoch, zwei betropetzte Weana in Ungarn, das hätte einen tragikomischen Anstrich. Das mit uns verschwägerte Ungarn, ein Spiegel in dem wir uns selbst erblicken können, ich werde wieder in einem Zug sitzen, zum Grenzgänger werden, der die Fahrpläne mittlerweile auswendig kennt und meinen Stoßseufzer auslassen, wen die letzten Ausläufer der Stadt hinter mir liegen…

Irgendwann, ja irgendwann sitzen wir vielleicht doch in Deinem Auto bei offenen Fenstern im Sommer, irgendwie verloren gegangen zwischen Bruck an der Leitha und Budapest.

(c) Text und Titelphoto: Fluchtachterl Juli 2014